Shida Bazyars Roman „Die Lücken“

der diese nicht schließen, sondern als klaffende Wunden im kollektiven wie individuellen Gedächtnis sichtbar machen will.

1 „Deutsche Vergangenheit,

dachte sie, du tauchst immer plötzlich auf und stehst dann direkt vor einem. Unterbrechung eines Alltags, in dem man nicht mit den Gedanken an Ermordete rechnete. Was folgerichtig war. Ein Alltag sollte nicht im Zusammenhang mit Morden stehen und hatte es doch getan.“ (332)

Das denkt Ella, eine der vielen Figuren in Shida Bazyars großartigem Roman „Die Lücken“. Sie taucht nur zweimal im gesamten Roman auf, der über 500 Seiten die Geschichte des fiktiven, an den Geburtsort der Autorin angelehnten Orts Hermesbach erzählt. Wie Ella erging es auch mir, als ich vor Kurzem Freunde in einem Dorf in der Pfalz besuchte, nicht weit entfernt von der Gegend, dem Hunsrück, in der Bazyars Roman angesiedelt ist. Wir fuhren durch das so genannte „alte Land“, eine Gegend mit weiter, hügeliger Landschaft, in der sich Wälder mit Feldern und Streuobstwiesen abwechselten. Wir fuhren durch Dörfer, kleine Orte, die oft gerade nur aus einer Hauptstraße und einigen wenigen darum gruppierten Häusern bestanden, mit wenig bis gar keiner Infrastruktur, mit wenig Blumen vor den Fenstern. Und mich beschlich das Gefühl, hier fehlt etwas, oder, besser gesagt, hier ist noch etwas da, das wartet, das unerlöst, vielleicht ungehört durch die Straßen und um die Häuserecken streicht, leise wie ein Windhauch oder ein sich in diesem bewegender Vorhang am Fenster. Zuhause angekommen, suchte ich mir einige Informationen über die Orte zusammen, und was mich zutiefst traf, war: In zahlreichen dieser Weiler gab es bis 1939 Synagogen. Kleine oft nur, 8 x 6 Meter vielleicht. Doch es hat sie gegeben. Beinahe gierig begann ich also Shida Bazyars Roman zu lesen, der von einem dieser „normalen“, ländlichen Orte erzählt, oder besser gesagt, diesen Ort zum Protagonisten macht. „Vielleicht hatte sie [Ella] Samans Heimatort immer schöner und rosiger wahrgenommen, als er war, weil sie sich irgendwie erhofft hatte, er wäre die Ausnahme, er, als einziger.“ (333) Doch wir wissen: Es gab keinen Ausnahmeort.

2 Zwei Bewegungen,

die beide von Verfolgung, Angst und Mord geprägt sind, schieben sich im Roman ineinander. In zahlreichen Passagen, die jeweils 3 bis maximal 20 Seiten umfassen, lässt Bazyar uns tief eintauchen in die Gedanken und Geschehnisse zahlreicher Dorfbewohnerinnen und -bewohner ab den 1920ern. Da sind die beiden Freundinnen Johanna und Lore, aber auch zahllose andere, die in den Strudel der Geschichte geraten. Sind sie zu Beginn unzertrennlich, löst sich die Freundschaft auf. Johanna ist Jüdin, Lore wird, ebenso wie ihre Schwester Anni, zur glühenden Nationalsozialistin, die alles dazu tun, damit das Dorf als eines der ersten „judenfrei“ und somit zu einem Mustergaudorf wird (was der Heimatort Bazyars, Hermeskeil, übrigens war). Man verfolgt lesend mit, wie aus jungen Menschen FanatikerInnen werden, die plötzlich der ursprünglich besten Freundin Dinge vorwerfen, weil sie Jüdin ist. Da sind – und sie sind historisch verbürgt – die jüdischen Besitzer mehrerer Geschäfte sowie der Tierarzt, die so lange malträtiert werden, dass sie den Ort verlassen – freiwillig, wie es heißen wird – und ihr Hab und Gut geplündert wird, oder, sofern sie es nicht schaffen, wie Johanna, in KZs getötet werden. Manchmal sind es kurze, einzelne Sätze, die einem die Ungeheuerlichkeit des Geschehens durch Mark und Bein fahren lässt: „Die Welt drehte sich weiter, als man den Kartoffelsalat mit ihren Gabeln aß.“ (476)

Aus den unterschiedlichsten Perspektiven, zum Beispiel jener Resis, die Verkäuferin in einem der Geschäfte ist, wird die Geschichte erzählt. Die einzelnen Passagen springen innerhalb der Zeit vor und zurück, die einzige Konstante bleibt der Ort. Nach und nach schafft man es, die einzelnen Personen und ihre Verwandtschaftsverhältnisse zuzuordnen, denn die Geschichte führt bis in die Gegenwart, so dass wir von den Töchtern und Söhnen, den EnkelInnen und Enkeln lesen. Ein Kaleidoskop des Ungesagten zwischen den Generationen eröffnet sich, von Lebenslügen oder Illusionen und, vor allem, von Verdrängung.

Dies spielt Bazyar meisterhaft anhand der einzelnen Biographien durch, aber auch, und das scheint mir ein sehr gelungener Kunstgriff zu sein, anhand öffentlicher oder halb-öffentlicher Situationen. So findet sie einen überzeugenden literarischen Weg, um über das Novemberpogrom gegen die elf noch im Dorf verbleibenden Jüdinnen und Juden zu schreiben. Die Täter sind ein Kollektiv, eine Tätergruppe, „Einer war Maurer, einer war Lehrer, einer war frisch verliebt. Sie rochen nach Schweiß.“ (280) Bazyar montiert gekonnt, und das ist das Eindrückliche, die Perspektive der Angegriffenen mit ein: „Wenn sie jemandem die Scheiben einwerfen, sind die Scherben übrigens der unwichtigere Teil. Wie viel wichtiger ist der Stein, der eingedrungen ist, wie viel wichtiger […] die Grenze, die überschritten worden ist, es ist die Mauer, die man durchbricht, euer Privates ist nicht wert, es gehört uns, ihr gehört uns.“ (281)  Alltagssprache wie „durch die Wohnungen spazieren“, „es macht einem mehr Spaß als ein gewöhnlicher Einbruch“ wird gegen die Beschreibung der gewaltsamen Vorgänge des Eindringens, Verprügelns und Plünderns gesetzt; die Schreie der Opfer gegen das gegenseitige sich Übertrumpfen der Täter im Erfinden von Qual und Folter. „Alle haben es gemacht, auch an anderen Orten“, lesen wir da. Diese Feststellung stellt in ihrer brachialen Nacktheit in den Augen der Täter eine obszön anmutende Ent-Schuldung im Sinne des sich Versteckens hinter einem großen Kollektiv dar, in der historischen Perspektive gibt sie die Tatsache der (Mit)täterschaft eines gesamten Volkes wieder.

Doch auch durch die Schilderung anderer, historisch weniger bedeutsamer Situationen, in denen keine Einzelperson Protagonistin ist, sondern ein Ort im Dorf, eine Gruppe, vermag es Bazyar, ein Bild, eine Stimmung, ein Grundgefühl wiederzugeben, das charakteristisch ist für den Umgang mit der Vergangenheit. In „Kneipenabende (1958)“ zum Beispiel schafft sie es, die so typische Atmosphäre des Stammtisches und seiner Gespräch zu umreißen: „Was sie sagen, das geht einen Wirt nichts an. Was sie sagen, ist auch nie verstörend, es lag ja schon vorher im Raum und in der Luft, es ist nur verstörend, sobald es jemanden verstört. Aber wem würde das schon passieren, doch nur einem Außenstehenden, jemandem von auswärts und deswegen mögen sie solche nicht, deswegen gucken sie und grüßen nur widerwillig, wenn so einer reinkommt.“ (442) Besser könnte die dumpfe Atmosphäre, in der sich die Feindseligkeit gegenüber allem Fremden mit Gesprächen, die die Vergangenheit und deren Folgen in der Gegenwart verharmlosen bis verleugnen, alkoholselig vermischen.

Der zweite Strang ist die Geschichte der beiden aus dem Iran geflohenen Familien, Parvaneh und Bahman mit ihren drei Töchtern, Asrin und Azad mit zwei Söhnen. Durch ihre jeweiligen Perspektiven verschiebt sich nicht nur der Blickwinkel – sie bringen eine völlig andere Geschichte von Leid, Verfolgung und Mord mit und somit mit ins Dorf -, sondern auch der Diskurs des Romans. Wie man sich in einem Ort bewegt oder in einer Landschaft, ist grundlegend anders, ob man es als Zugezogener tut oder als so genannter Einheimischer. Die Selbstverständlichkeit ist nicht da, die Unhinterfragbarkeit, des Guten wie des Bösen. Bazyar spielt dies an Situationen wie dem Martinsumzug durch die Augen von Bahman und seiner drei Töchter durch oder anhand der Abiturfeier von Farhad, einem der Söhne von Asrin und Azad. Sie hat dabei  die Situation der zweiten Generation im Blick, die sich zwischen zwei Welten bewegen muss, jener der Eltern, die sich einfügen (wollen oder können) oder nicht und dem eigenen Platz in der Ankunftsgesellschaft. Die so genannte allseits geforderte und erwartete Integration von MigrantInnen wird in den unterschiedlichen Lebensläufen durchgespielt, von der Unmöglichkeit, es zu schaffen, weil einen die Sehnsucht nach den Zurückgelassenen auffrisst, aber auch die Angst vor Repressalien, denen sie ausgesetzt sein könnten, weil man geflohen ist. Oder von gelingenden Eingliederungen, der Sehnsucht nach Freunden und nach Geborgenheit, nach „Gehaichnis“, wie es im Roman heißt, die aber immer mit Distanz verbunden bleiben werden. Die große Geschichte des Landes, die teilt man, aber eben auch nicht. Denn man bringt eine eigene „große Geschichte“ mit, die man mit nur wenigen im neuen Land teilen kann. „Ich weiß nicht, was ich damals gemacht hätte, wenn ich schon auf der Welt gewesen wäre,“ – lässt Bazyar Rania, eine weitere Nebenfigur in einem Schulaufsatz schreiben –, „aber wieso es passiert ist, das weiß ich. Weil alle Deutschen mitgemacht haben. Meine Großeltern aber haben nicht mitgemacht. Waren eben keine Deutschen!“ (222)

Ob zutiefst im Ort verwurzelte Menschen wie die jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner oder die zugezogenen Flüchtlinge aus dem Iran: Sie verbindet beide der Schrecken, von dem Ort, den man Heimat nennt, fliehen zu müssen. Während die einen aus dem Dorf verfolgt und vertrieben wurden, kommen die anderen aufgrund ihrer Flucht vor Verfolgung dorthin; beide müssen Heimat aufgeben. Beide Bewegungen sind miteinander verbunden, indem sie den Linien der Gewaltgeschichte des 20. und des 21. Jahrhunderts folgen.

3 „Die Lücken“

Nach und nach beginnen sich die Geschichten und Lebensläufe zu kreuzen. Sie greifen ineinander, und doch bleiben da „die Lücken“. Einerseits sind es die Auslassungen, z.B. wenn in der Jubiläumsschrift eines Bekleidungsgeschäfts, das ursprünglich in jüdischem Besitz war, die Enteignung und Vertreibung durch die Nazis ausgespart wird. Geschichte wird dadurch nicht nur lücken-haft tradiert, sondern verfälscht. Zeitzeuginnen wie die Protagonistin Resi wissen das, wagen es aber nicht, diese Lücke durch die eigenen Erzählungen zu füllen. Zu groß ist auch bei ihr, die Bazyar als Mitläuferin anlegt, das Gefühl von Schuld. Lückenhaft ist die Erzählung des Großvaters, als sein Enkel ihn für ein Schulprojekt befragt. Die Aussagen bleiben an der Oberfläche, kratzen nicht an der kollektiven Erzählung, fügen ihr nichts hinzu oder rücken sie etwa gerade. Auch hier müsste man sich der persönlichen Schuld stellen, das Bild, das man nach 1945 von sich selbst – und vom Ort – aufbaute, infrage stellen.

Eine Lücke, die mich persönlich sehr beschäftigt hat, ist: Wie konnten Freundschaften zerbrechen, weil eine der beiden Jüdin war? Darauf gibt der Roman keine Antwort, und so muss man es bei der qualvollen Erkenntnis belassen, dass die Ideologien mit ihren Hass- und Feindbildern sich bis auf die Beziehungsebene hineinzufressen imstande sind.

4 „Der Geist“

Wer ist das nun, der all das, worüber wir im Roman lesen, weiß, von ihm zu erzählen vermag? Auch hier greift Bazyar zu einem Kunstgriff. Sie fügt die Figur einer namenlos bleibenden Toten ein, einem bei einem Unfall ums Leben gekommenen Mädchen, das sich mit ihren Eltern und ihrer Schwester Lu kurz in dem Ort aufhielt, bevor die migrantische Familie weiterzog. Das erste Kapitel ist ein Eintauchen in die Atmosphäre dieses Dorfes aus dem Blick einer einst Zu- und dann wieder Weggezogenen, die nun als Geist über die Felder und über den Ort quer durch alle Zeiten und durch alle Seelen zu fliegen vermag und daher alles weiß. Die Figur wendet sich immer wieder an ihre Schwester Lu und kommentiert das Geschehen, und der erste Satz, den man liest, ist wohl auch jener, der die Autorin beim Schreiben dieses Romans begleitet haben könnte: „Wenn wir es gewusst hätten, was hätte es geändert? Hätte unsere Mutter die Fenster geöffnet und der Sonne misstraut? Unser Vater aufgehört, alte Nachbarn zu grüßen? Vielleicht wären du und ich aus Protest nicht mehr in dieses eine Bekleidungsgeschäft gegangen, auch wenn es das einzige im Ort war, in dem es Levi’s Hosen zu kaufen gab.“ (9) Dank dieses akribisch recherchierten Romans, der gekonnt historische Fakten mit Fiktion zu verbinden weiß und zu Recht mit dem Deutschen Buchpreis 2026 ausgezeichnet wurde, wissen nun viele und viele wissen mehr. Gerade in Zeiten wie den unseren, in denen Faschismus und mit ihm Hass, Ausgrenzung und Verfolgung wieder um sich greifen und das, wie man weiß, nicht zimperlich, eine Aufforderung, nicht wegzuschauen. Denn nach wie vor ist Wissen Macht – und Hinschauen Pflicht, möchte ich ergänzen.  Das sollten wir Menschen uns nicht nehmen lassen.

Shida Bazyar: „Die Lücken“. Roman. Kiepenheuer & Witsch 2026

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