Irene Pruggers neuer Roman „Das Jahr der Verluste“, Haymon Verlag 2026
„Nachtflucht“ – so werden Firmen in Japan genannt, die Menschen über Nacht mitsamt Hab und Gut aus ihrem alten Leben und oft auch Partner*innen in ein neues transportieren. Lina wird zwar nicht bei Nacht und Nebel aus ihrem alten Leben katapultiert; letztendlich aber verlaufen Trennung und Scheidung der Protagonistin in Irene Pruggers Roman von ihrem langjährigen Ehemann Lois ziemlich überstürzt, wenn auch das Paar sich in einem schleichenden Prozess bereits voneinander entfremdet hatte.
Fern von ihrem Haus mit dem geliebten Garten, das aus finanziellen Gründen Lois behält, von Gewohnheiten im Guten wie im Schlechten, in prekärer finanzieller Situation, muss sie ihr äußeres Gleichgewicht gegenüber den erwachsenen Kindern, Greta und Georg, ihrer Freundin Marlene und im ungewohnten, feindseligen Wohnumfeld neu ausloten, vor allem aber muss sie wieder in ihr emotionales und inneres Lot kommen. Und das erweist sich als äußerst zäh und mühsam, zumal Lina in einem Alter ist, in dem ein Neuanfang im Regelfall nicht mehr vorgesehen ist, schon gar nicht eine neue Beziehung.
Erst einmal hat sich Lina mit all den Verlusten auseinanderzusetzen, die plötzlich und unerwartet über sie hereinbrechen. Zum einen geht ihr Auto ein, dann wird die Birke vor dem Fenster ihrer neuen Wohnung gefällt und das neue Fahrrad gestohlen und mit ihm ein Stück Bewegungsautonomie. Einen Ohrring verlegt sie, findet ihn jedoch wieder, ebenso wie andere Dinge. All dies führt zu Überlegungen über existentielle Verluste, wie jene der Eltern, und lässt Lina räsonieren, ob das Leben nicht überhaupt die Summe der erlittenen Verluste sei. Doch dann tut sich unerwartet eine Möglichkeit von Glück auf, von einer neuen Partnerschaft, und Lina muss und will lernen, sich auf einen Menschen, aber auch auf ihre eigenen Gefühle einzulassen und ihnen zu vertrauen.
Irene Pruggers Erzählband Letzte Ausfahrt vor der Grenze die letzte belletristische Publikation der Autorin, erschien vor mehr als einem Jahrzehnt. In ihm erzählt sie, ebenso wie in ihren Romanen, klug und stets augenzwinkernd, dabei nie den Ernst aus den Augen verlierend, vom Leben von Frauen, porträtiert diese als mitten im Leben stehend, mit ihren Hoffnungen, Enttäuschungen und Sehnsüchten. Meist stehen sie an einem Wendepunkt, sind in Krisen und glücklose Beziehungen verstrickt. Das Jahr der Verluste knüpft daran an, ist genauso (lebens)klug und, wo es die Geschichte zulässt, humorvoll geschrieben; und doch, so scheint mir, kommt der Leserin in der Art, wie die Autorin erzählt, das Leben von Lina sehr nahe, näher vielleicht als jenes der Protagonistinnen der vorhergehenden Bücher. Dem Text ist eine Dringlichkeit inne, der oft atemlos weiterlesen lässt. Man erlebt Lina am Abgrund stehend, blickt mit ihr in diesen hinein und möchte sie gleichzeitig in die Arme nehmen und beschützen. Die Fragilität und die Ungeschütztheit, mit der uns die Autorin die Protagonistin vor Augen führt, kommt in zahlreichen Szenen zum Ausdruck, zum Beispiel wenn sie Anja, ihrer Enkelin, erklärt, warum sie und „Opa“ nicht mehr zusammen sind. Man müsse sich ja nicht trennen, nur weil man streite, ist die Antwort Anjas, die im nächsten Moment Lina und ihren Ex-Mann auf einem Bild malend verewigt. Oder wenn Lina in der neuen Wohnung in schlaflosen Nächten auf die zarten Blätter der Birke blickt, die ihr Trost spenden, und der Baum einige Wochen später gefällt wird.
Eine der Stärken des Romans liegt darin, nicht zu verschleiern, dass Lina die Lebensmitte überschritten hat. Die Autorin steht zum Alter der Protagonistin, lässt dieses nicht unerwähnt oder gar unwesentlich erscheinen, im Gegenteil. Die Frau und das Altern sind explizites Thema, das den Verlauf des Romans bestimmt. Die Schwierigkeit zum Beispiel, sich auf eine neue Beziehung einzulassen, sofern man überhaupt einen Partner im entsprechenden Alter findet, lässt Prugger die Protagonistin trocken und lakonisch folgendermaßen umschreiben: „Es lauerten Tumore und Abszesse, es drohten Infektionen und Infarkte […], Demenz und weitere Defekte. In einer langjährigen Ehe gehörte das zur erwarteten Standard-Chronologie, aber am Beginn einer Beziehung waren es erschütternde Aussichten.“ Aber auch die prekäre ökonomische Situation einer Frau, die jahrzehntelang in Teilzeit arbeitete, um sich um die Kinder und das Haus zu kümmern und Abstriche beim eigenen Einkommen in Kauf nahm, ist in den Roman, in das Leben der Protagonistin eingeschrieben, die letztendlich wieder Fuß fassen kann im Arbeitsleben, wiewohl man weiß, wie schwierig es für ältere Arbeitnehmer*innen ist, einen Job zu finden.
Überhaupt, die Gesellschaft und mit ihr die patriarchalen Muster brechen stark in Linas Leben ein, doch sie lernt, sich zu behaupten. Dazu finden sich eindringliche Passagen, die den Zusammenhang zwischen Kränkung, Männlichkeit und Gewalt reflektieren, auf Mikro- wie auf Makroebene. Dabei reicht der Roman bis in unsere Gegenwart mit Klimawandel, Terror und Gewalt, vor allem in der zweiten Erzählebene, in der Lina, in der noch fragilen Sicherheit einer neuen Beziehung angekommen, am Flughafen auf die Ankunft ihres Sohnes wartet. Diese verzögert sich, da ein Polizeieinsatz im Gange zu sein scheint, die Situation ist angespannt, niemand weiß etwas Genaues. Lina beobachtet Menschen und kommt mit einem jungen Paar ins Gespräch, das ihnen ihre Sicht auf die Welt darlegt, die von Ohnmacht und auch Wut auf die ältere Generation, also jene Linas, geprägt ist. Die Welt ist im Zerfall, so wie es Linas Welt war, die Veränderungen machen vielen Menschen Angst, und aus diesem Gefühl des Verlusts heraus – eine weitere Facette dieser Empfindung wird damit ins Spiel gebracht – kommt es bei vielen zur Verklärung der Vergangenheit. Damit sind wir definitiv in der Gegenwart angelangt.
Das Jahr der Verluste ist spannend und flüssig geschrieben, es gibt immer wieder Passagen, an denen man innehält und zu reflektieren beginnt. In ihm findet sich sowohl die gesellschaftliche Bestandsaufnahme des Lebens einer älteren Frau, und darüber gibt es gar nicht so viel – gute – Romane, als auch ein Stück weiblicher Emanzipationsgeschichte. Zum einen baut Prugger kleine, sehr zarte Solidaritätsszenen zwischen Frauen ein (die baumelnden Ohrringe, die wie Begrüßungsrituale erscheinen, über alle Unterschiede der Kulturen hinweg), zum anderen wird Lina zusehends selbstbewusster und verhilft der Nachbarin, die der Gewalt des Partners ausgesetzt ist, dazu, dass dieser ein Annäherungsverbot erhält. Irene Pruggers Roman ist, trotz der Schwere der erzählten Ereignisse, von einer Leichtigkeit durchzogen, von einer Freundlichkeit und Zugeneigtheit der Welt und den anderen Menschen gegenüber. Und es ist diese Zugeneigtheit, die ihrer Protagonistin dazu verhilft, letztendlich bei sich selbst anzukommen – wieder oder erstmals, das bleibt in der Schwebe – , indem sie anderen Menschen beisteht und sich für die Schönheit der Welt zu engagieren beginnt. „Wir werden uns wieder engagieren müssen“, sagt Lina zu ihrer Freundin Marlene. Dem ist nur zuzustimmen.
Diese Rezension ist auch im Lilit-Magazin erschienen.
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