Carolina Schutti scheut in ihrem neuen Buch die Herausforderung nicht und bleibt sich dabei selbst treu.
Extreme Landschaften spielen in Carolina Schuttis Werk seit jeher eine Rolle. So lässt sie in ihrem Roman Der Himmel ist ein kleiner Kreis ihre Protagonistin Ina nach Sibirien aufbrechen; in Patagonien setzt sie ihre Figuren am Ende der Welt aus. Doch auch ein kleines Stück Welt oder Wald kann zu einer wesentlichen Motor in ihren Texten werden. In ihrer neuen Publikation Relative Ruhe wird die Landschaft selbst zur Protagonistin. Es ist in Stück Wiese, ein Stück alltägliche, nach außen hin unauffällige Landschaft, die zutiefst von ihrer Historie geprägt ist, welche ihrerseits nur mehr aus dem Untergrund heraus und nicht an der sichtbaren Oberfläche wahrnehmbar ist. „Auch in Schwaz hat die Erde ein gutes Gedächtnis, das liegt unter Tag und ist groß, eine Höhle. Auch in Schwaz ist die Erde verschwiegen, kein Wort an den Wänden, kein Name, kein Zeichen.“ So schreibt Alois Hotschnig in seinem Text „Unter Tag. Schwaz“, den der Autor anlässlich des Erinnerungsprojekts im Rahmen des ersten Klangspuren Festivals1995 verfasst hat.
Die Rede ist von einem Grundstück, das, zwischen Schwaz und Buch im Tiroler Unterinntal gelegen, ab 1944 ein NS-Zwangsarbeiterlager war, ab 1945 ein Entnazifizierungslager der französischen Besatzungsmacht, wo es den Namen Oradour erhielt (Ordour-sur-Glane war ein französisches Dorf, das 1944 durch ein Massaker der SS ausgelöscht wurde, indem all seine Bewohner und Bewohnerinnen ermordet wurden). Anschließend, von 1954 bis 1988, befand sich dort eine Siedlung sozial ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen und erhielt den Namen „Märzensiedlung“, von der Bevölkerung Barackensiedlung genannt. „Weit abseits des Stadtzentrums, lange Jahre ohne Busanbindung, ohne Telefon, ohne Müllabfuhr, war die Wohnsituation ungeachtet der idyllischen Waldrandlage mehr als prekär.“ So lesen wir im ausführlichen Nachwort, das Schutti ihrem Langgedicht erklärend anfügt. Dort listet sie auch die beiden Publikationen an, die die umfangreiche historische Aufarbeitung v.a. durch Horst Schreiber dokumentieren. In beiden ist der Text von Hotschnig abgedruckt. Heute befindet sich eine Stele mit der Aufschrift „Oradour“ und mit einem kurzen Text auf besagtem Grund. Ringsum Wiese, Wald, Wege. Typisches Inntaler Naherholungsgebiet.
Carolina Schutti wählt das Langgedicht, eine gleichermaßen anspruchsvolle wie angemessene Form, um ein angesprochenes Du und ein Ich – oder gar viele Ichs? – auf Spurensuche zu schicken. Eine Annäherung, so lautet der Untertitel des Buchs. Literarische historische Aufarbeitung geschieht vor allem in Form von Romanen, jedenfalls in Form von Prosa; soeben erhielt Shida Bazyar für ihren Roman Die Lücken, in dem sie die deutsche Geschichte anhand jener eines Dorfs über hundert Jahre hinweg aufarbeitet, den Deutschen Buchpreis. Dort funktioniert die Übermittlung von Fakten, Fiktion und Emotion in imaginierten (oder nicht) Geschichten und Erzählungen. Schutti verzichtet auf diese narrative Anreicherung und skelettiert in ihrem Text das Geschehen bis auf das Grundgerüst. Sie radikalisiert somit den Prozess des Erinnerns und fokussiert ihn darauf, was die Landschaft noch preisgibt, was über Bilder und Wahrnehmung beim Ich anzukommen und was diese in ihm auszulösen vermögen. Formal entspricht diesem Prozess das Bruchstückhafte, Fragmentierte, Zersplitterte. Sprachlich spannt sie hingegen ein unendlich weites inneres Feld auf.
Das Langgedicht besteht aus zwei Teilen. Im ersten mit dem Titel Beifußflur begibt sich ein angesprochenes Du in die Landschaft, dringt immer tiefer in sie ein, bohrt sich geradezu in sie hinein, will unter Tag gehen. Da sind Erinnerungen an „flüchtig Dahergesagtes“, an „alte Geschichten“, von denen man hörte, doch kann man ihnen vertrauen? Da sind die „Blumen auf Brachland“, die der Mensch Unkraut nennt, die der Landschaft ihre heilenden Kräfte vielleicht? zurückgeben, wie der Beifuß oder der Löwenzahn. Wie beiläufig fügen sich Signalwörter von Beschädigung und Kontamination in die harmlose Wahrnehmung. Wörter, die irritieren und die Ruhe der Wahrnehmung durchbrechen und stören. Und da sind Fotos von einer Familie vor einer Baracke, eine jener ausgegrenzten Familien mit großer Kinderschar. Kindheit, die düstere Ambivalenz zwischen selbstvergessenem Glück und die Erfahrung von Stigmatisierung und Diskriminierung, spielt in der Literatur von Carolina Schutti eine große Rolle, und es finden sich im ersten Teil des Langgedichts in ihrer sprachlichen Verknappung und Reduzierung eindrückliche Verse:
„sag einfach, du wohntest / inmitten von Wiesen / wenn dich jemand fragt“ (26)
Oder:
„für die anderen gab es / irgendwo ein Meer / deine Augen folgen dem Treibholz / wildes Ringen auf / dem schlammgrauen Fluss“ (33)
Die „Baracken“-Kinder und ihre wohl sprachlos gebliebenen Empfindungen werden zu einem Gegenüber, zu einem Du, in das sich das erforschende Ich begibt und Worte zu finden versucht für etwas, das verschütt gegangen und geblieben ist. Die „fremde Erinnerung“ wird zur eigenen. Das ist die Essenz von Literatur, die wir hier lesend nachvollziehen können.
Der zweite Teil trägt den Titel cross junction. In ihm kreuzen und verbinden sich Erfahrungen eines Ichs mit dem Gedächtnis des Orts, einer Wiese in dem Fall. Eines Ichs, in dem die Traumata der Vergangenheit auf unbewusste Art nachhallen und das auf der Suche nach einer Sprache für die Beziehung zu einem Du ist. Unaufgeregt kunstvoll verstrickt Schutti diese beiden Themen. Träume flattern durch den Text, in denen von Gewalterfahrungen die Rede ist, beinahe halluzinatorisch fügen sie sich in den Zyklus ein. Kindheit und Krieg werden zusammengebracht, welch Ungeheuerlichkeit, die in unseren Zeiten leider durch und durch real ist. Das Gedächtnis des Orts ist ein getarntes Gedächtnis, das sich unter die sprachliche Oberfläche abgelegt hat – eine Art unheimliche Verbindung zwischen dem Geschehenen, dem Ort und dem Ich. Eine „relative Ruhe“ – so der Titel des Gedichtbands – liegt über allem, eine sehr fragile, zerbrechliche Ruhe (Bilder von zerborstenen Parfümflaschen, von gerissenen Halsketten erhalten plötzlich etwas Bedrohliches). Diese Ruhe bleibt den gewaltsamen Erschütterungen der Vergangenheit ausgesetzt, die bis in die Gegenwart hinein explodieren können; die Explosion einer Fliegerbombe in einem kleinen Tiroler Ort – auf einer Wiese – aus dem Jahr 2023 spielt im Text ebenso eine Rolle wie die im Präludium des Langgedichts angedeuteten seismographischen Bewegungen und die Beobachtung eines sich daraus ergebenden Risses: allesamt Erschütterungen, die kurz und heftig sind, dazwischen ein illusorisches Sich-In-Sicherheit-Wiegen in „relativer Ruhe“ zulassen, aus dem man unvermutet gerissen wird.
„relative Ruhe. / Klang der Zivilisation.“ (59)
Ein Zweizeiler, dem eine ganze Seite gegeben wird und der als einziger im gesamten Langgedicht mit einem Punkt endet. Der Klang der Zivilisation wird gerade an zahlreichen Ecken und Enden der Welt unüberhörbar laut und stülpt sich über eine Ruhe, die immer nur Illusion war. Eindrücke, die mich in die unmittelbare Gegenwart führen.
In beide Teile sind kurze, lyrische Reflexionen über das Vertrauen in die Schriftzeichen und in die Bilder eingeflochten. Zerfließende Buchstaben, Geschichten, die man nur von Hörensagen kennt, Bilder, die „pass-ungenau“ sind: Das Wissen um und das Sich-Stemmen gegen eine auf Vagheiten und auf Ungefährem beruhende Welt – und gegen das Vergessen –: Carolina Schutti evoziert mit ihren kraftvollen, stilsicheren und zugleich zarten und zärtlichen Gedichten Reflexionen, die lange nachhallen.
Zitierte Bücher von Carolina Schutti:
Patagonien. Roman. edition laurin 2020
Der Himmel ist ein kleiner Kreis. Roman. Literaturverlag Droschl 2021
Relative Ruhe. Eine Annäherung. Literaturverlag Droschl 2026
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