Han Kang, die südkoreanische Literaturnobel-Preisträgerin, beim Festival Sprachsalz in Kufstein. Teil eins
Es war ein außerordentliches literarisches Ereignis, die südkoreanische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Han Kang beim Festival Sprachsalz in Kufstein zu erleben. Es war einer ihrer vier Europa-Auftritte, umso wertvoller war es, ihr zuhören zu dürfen.
Bereits im Vorfeld besorgte ich mir die neueste Publikation auf Deutsch: eine Sammlung von Texten, die auch Han Kangs Rede zur Verleihung des Nobelpreises mit dem Titel Der goldene Faden enthält. Sie gibt dem Buch auch seinen Titel. In ihr umreißt sie ihre Herangehensweise und gibt Einblicke in ihre Bücher und in ihre Art zu schreiben. Jeder Roman beginnt für sie mit Fragen, die sie bis zur Schmerzgrenze ausreizt, so lange, bis sie mit der Frage am Ende ist. Ohne zu einer Antwort zu kommen. Im Roman Die Vegetarierin zum Beispiel, dem Roman, mit dem sie definitiv internationalen Durchbruch erlangte und für den sie 2016 mit dem International Booker Prize ausgezeichnet wurde, stellt sie sich folgenden schmerzhaften Fragen: „Kann ein Mensch vollkommen unschuldig sein? Wie tief kann unser Widerstand gegen Gewalt gehen? Was geschieht mit einem Menschen, der ich so radikal von der Menschheit abwendet, dass er nicht länger Teil ihrer Spezies sein möchte?“ (Der goldene Faden, S. 13) Es sind immer grundsätzliche Fragen, Fragen, die die Menschheit als gesamtes angehen, an den Festen von Humanität und Zivilisation rütteln. So auch in Menschenwerk, in dem sie sich mit dem Massaker von Gwangju im Jahr 1980 auseinandersetzt, bei dem das Militär einen friedlichen Studenten- und Bürgerprotest blutig niederschlug. Und sie lässt sich auf zwei scheinbar einander widersprechende Fragen gleichzeitig ein „Sind Menschen wirklich bereit, einander so etwas anzutun?“ (S. 17), fragt sie sich angesichts der Fotos der entstellten Leichen. Und: „Sind Menschen wirklich bereit, so etwas füreinander zu tun?“ (S. 18), als sie von unzähligen Menschen liest, die vor einem Krankenhaus Schlange stehen, um Blut für die Schussverletzen zu spenden. Beides ist im Menschen angelegt, das Böse wie das Gute, könnte man sagen. Und beidem vermag Han Kang in ihren Büchern Ausdruck zu verleihen.
Dabei lässt sie diese Fragen körperlich auf sich einwirken. Sie schreibe mit allen Sinnen, können wir in der Rede lesen, und explizit wiederholt sie das auch auf dem Podium bei der Lesung. Sie müsse die Empfindungen riechen, hören, schmecken, fühlen können. Nur so, denke ich mir, als ich das lese und höre, kann auch die Intensität in den Texten zustande kommen. Han Kang scheut sicher nicht davor zurück, sich extremen Erfahrungen auszusetzen, und sei es nur, wie sie als Beispiel nennt, sich für Stunden unter einen Tisch zu kauern, um zu verstehen, wie es Menschen, die in einen engen Raum eingesperrt sind, geht.
Die Rede endet mit dem wunderschönen Bild, das jeder Leserin ans Herz geht, wenn Han Kang meint, sie bemühe sich, diese erfahrenen Empfindungen in den Text einfließen zu lassen. Die Sprache sei dabei der Faden, der die Menschen miteinander verbinde, die Fragen dabei „die Ladung, die den Faden zum Leuchten bringen und so die Verbindung schaffen.“ (S. 32) Eine wunderbare Vorstellung: die ganze Welt ein leuchtendes, elektrisch pulsierendes Fadenwerk von miteinander verbundenen Leserinnen und Lesern.
Ein weiterer Text trägt den Titel Garten an der Nordseite und Gartentagebuch. Einträge über drei Jahre hinweg schildern Han Kangs Bemühungen, die Pflanzen in ihrem 15 m2 großen Garten mit Spiegeln mit Sonne zu versorgen, damit sie wachsen können, so lange, bis sie in die Höhe ragen und sich ohne Hilfe mit Energie versorgen können. In einem bestimmten Zeitraum steht die Autorin jede Viertelstunde auf, um die Spiegel, es sind schließlich acht an der Zahl, zu verstellen, um die optimale Einstrahlung zu ermöglichen. Ein Lacher ging durch das Publikum, als bei der Lesung in Kufstein aus diesem Text vorgetragen wurde, und als Han Kang ergänzte, so habe sie am eigenen Leib die Neigung der Erdachse erleben können. Ich empfand dieses Lachen als ignorant, denn so ist es ja wirklich, und man kann Han Kang diese Erfahrung nur im positiven Sinne neidig sein.
Sonnenfäden, die die Menschen verbinden, und Pflanzen ernähren im Schatten der Erdachse. Ich beschloss daraufhin, mich noch einmal an Die Vegetarierin zu wagen. Vor einigen Jahren war ich daran gescheitert. Dieses Mal hielt ich durch.
FORTSETZUNG FOLGT 😊
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