Nach dem Tod der Mutter kehrt die Tochter zurück in die gemeinsame dreiundsiebzig Quadratmeter große Wohnung. Sie möchte Ordnung in die verbleibenden Dinge der Mutter bringen. Doch diese – die Dinge, die Wohnung – haben Anderes mit ihr vor. Sie treten eine Lawine von Erinnerungen los. An eine Kindheit, die von Maßregelungen und Disziplinierungen geprägt war. Unbarmherzig setzt die Mutter ihrer Tochter zu, die nie schön genug ist, nie folgsam genug, nie brav und angepasst genug. Die Tochter möchte es in allem der Mutter recht machen, doch: Es genügt nie. Sie beginnt schließlich im Geheimen und im Kleinen zu rebellieren. Färbt Barbie die Haare Lila, schneidet Ken den Kopf ab. Und ab geht es mit ihr ins Eck, ganz nahe an die Wand, an den Wandverbau. Oder in die Badewanne, ins kalte Wasser. Die große Rebellion ist dann das Weggehen von zuhause, von der Mutter.
In kurzen Episoden werden Schlaglichter auf die Kindheit geworfen und auf die Bestrafungs- und Disziplinierungsmaßnahmen der Mutter. Die Tochter nimmt es hin, was bleibt ihr anderes übrig. Und doch ist da auch die Gegenseite, die Suche nach der Nähe und der Liebe zu dieser Frau, die kalt wie die Schneekönigin ist. Diese Ambivalenz prägt auch die Beziehung zu ihrem Partner Rick, die ebenfalls zwischen dem Wunsch angenommen zu werden und der Lust an der Unterwerfung changiert, wie sie die Tochter aus der Beziehung zur Mutter kennt. Doch auch zwischen der Lust des Unterwerfens und dem Entziehen von Zuneigung. Die Mutterseite also.
Und so beginnt ein schleichender Prozess, der unaufhaltsam und ebenso unbarmherzig wie die Mutter war, seinen Lauf nimmt. Lesend verfolgen wir diese Entwicklung mit, werden Zeuginnen einer Metamorphose, die, von der Tochter herbeigesehnt und herbeigeführt, den einzigen Ausweg bildet, um von der Mutter loszukommen, um Mutter aus sich auszutreiben: nämlich sie sich „einzutreiben“, denn nur so kann die Tochter genügen, kann perfekt sein. Indem sie sich Mutter einverleibt, eins wird mit ihr, sich freiwillig ins Eck stellt. Wir können gar nicht glauben, was hier geschieht, müssen immer wieder innehalten, um das Brutale dieses Prozesses erfassen und verarbeiten zu können. Isabella Feimer holt nämlich ins Konkrete und Reale, was in vielen Töchtern als Angstgespenst herumgeistert und im Roman durch die Namenlosigkeit der Protagonistinnen und die Reduktion auf die Rollenzuweisungen archetypische Züge annimmt: nämlich so zu werden wie die eigene Mutter. Man denke nur an den feministischen Klassiker „My Mother Myself“ von Nancy Friday aus den 1970er Jahren, in dem die Autorin anhand zahlreicher Interviews die spannungsreiche und widerspruchsvolle Beziehung zwischen Müttern und Töchtern zum Thema macht und den Mythos der unhinterfragbaren Mutterliebe vom Sockel stürzt.
Doch was erfahren wir über diese Mutter in Isabella Feimers Roman, außer dass sie als Alleinerzieherin, gemeinsam mit der Tochter in einer Wohnung in einer Siedlung am Rande einer nicht näher definierten Stadt lebt? Einzelne Sätze nur werden dazu eingestreut. Sie ist Friseuse, hat ihren eigenen Laden, ganz in Lila und Pink gehalten, pflegt sich gern selbst, legt jeden Sonntag Nagellack auf, Ton Nachtrot, ist stets dezent gekleidet. Sie hatte keine leichte Kindheit, lässt sie einmal en passant fallen, doch verliert sie darüber wenig Worte. Pillen helfen ihr über ihren Alltag, der trüb und ohne große Schönheit zu sein scheint. Auch die Pillen wird die Tochter übernehmen. Ein unauffälliges Frauenleben also, eines jener vielen Ungenannten, die an den Rändern der Wachstums-Jahrzehnte dahinlebten, Alleinerzieherinnen oft, überfordert von der Mutterrolle oder Mütter wider Willen, die sich schwer tun, ihre Kinder zu akzeptieren. In Isabellas Roman ist es die Tochter, die sich fragt, welche anderen Möglichkeiten die Mutter gehabt hätte. Was wäre gewesen, wenn die Mutter sich emanzipieren hätte können, auf der Suche nach einem befreiten Leben? Schlussendlich werden diese Fragen nur angeschnitten, und es bleibt, was die Mutter ausmachte: bunte Lockenwickler, Zigaretten am Küchentisch und die Orchideen am Küchenfenster.
Es ist ein Kammerspiel rund um Anrufung und Austreibung, Verwerfung und Aneignung, das Isabella Feimer hier in intensiver, immer stärker sich verdichtender Sprache inszeniert. Es ist kein Kontrollverlust, der hier vonstattengeht; vielmehr erlangt die Protagonistin die volle Kontrolle über die Dinge, Rituale, über die Welt der toten Mutter, die beinahe zwanghafte Züge annimmt. Sie will Verwandlung, will Anverwandlung, arbeitet gezielt auf diese hin, so dass sie sich die Haare wie Mutter machen lässt, ihre Art zu lachen imitiert, ihre Bewegungen. Sie spürt dasselbe Stechen in der Stirn wie Mutter. Ein hartes Stück Arbeit, dem sich die Protagonistin unterwirft, um die Gewalterfahrungen, die traumatischen Erfahrungen der Kindheit aufzuheben, indem sie zu der Person wird, die ihr diese zufügten.
Isabella Feimer ist vor allem Sprach-Künstlerin, die sich in ihren Werken immer einem kompositorischen und stilistischen Vorhaben und einem Thema mit Haut und Haar hingibt. Sprache und Inhalt werden eines bei ihr, und so ist auch hier die Sprache die zweite Protagonistin, die diesen Prozess der Anverwandlung wesentlich vorantreibt. Wiederholungen, Anrufungen gleich, und Verdichtungen führen dazu, dass Erinnerung und Gegenwart miteinander verbunden werden, dass die Welt der Mutter in jene der Protagonistin hineinkippt und so hyperreale Situationen aus dem realen Erleben erwachsen. Der Orchideenmann wäre ein Beispiel dafür: Verkauft er im einen Leben der Tochter Orchideen, mutiert er im anverwandelten Mutterleben zu deren Verehrer. Surrealismus at its best, finde ich. Bis auch sie, die Sprache, zu jenem Point of no return kommt, in dem auf den letzten beiden Seiten des Romans alles gesagt ist, was noch gesagt werden kann, all das konzentrisch vereint wird, worauf der gesamte Text in einem crescendo-artigen Wirbel hinarbeitet. Um dann verschwinden zu können, ebenso wie sich die Protagonistin von 73 qm auf ein paar Quadratmeter Wand reduziert und letztendlich dann in dieser verschwindet.
Es ließe sich noch viel sagen, über die märchenhaften Motive, die die Autorin einflicht, Andersens Märchen vom Hässlichen Entlein, das in poetischer Parallelführung weitergesponnen wird, ebenso die Anspielungen auf die kalte Schneekönigin. Man könnte darüber nachdenken, wie sich Isabellas Roman zu Elfriede Jelineks „Die Klavierspielerin“ verhält. Oder sich in eine Tradition zur Beschreibung von Krankheit und Grauen bei Autorinnen wie Charlotte Gilman Perkins oder Sylvia Plath stellen ließe. Tatsache ist, dass die Autorin unfassbar schöne Bilder für ein Grauen findet, das sich aus der Normalität weiblicher Erfahrungen und Ängste speist. Und dass die Künstlerin, Malerin und Schriftstellerin Leonora Carrington irgendwo hinter dem Wandverbau wartet, versteht sich von selbst.
Isabella Feimer: Dreiundsiebzig Quadratmeter. Roman. Haymon Verlag 2026
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