Vom neuen Glanz uralter Mythen

Veronika Oberbichlers Roman Laute Wasser, Raetia Verlag 2026

Lágole, das ist der geheimnisvolle See, der im fragmentarisch überlieferten, von Karl Felix Wolff aufgeschriebenen Fanes-Zyklus der Dolomitensagen eine geringe und bei Anita Pichlers literarisch-poetischer und mit Unterstützung von Ulrike Kindl auch wissenschaftlicher Re-Lektüre und Re-Positionierung der Frauen aus Fanis eine wesentliche Rolle spielt. An diesen Ort, der südöstlich von Cortina gelegen ist, hat sich Tsikuta zurückgezogen, die, bei Wolff nur eine Nebenrolle einnehmend, den Recherchen von Ulrike Kindl zufolge eine Priesterin oder gar die Sakralkönigin gewesen sein könnte. An diesem wundersamen See vergisst Tsikuta das Volk der Fanes und wird von ihm vergessen. Damit einher gehen der Untergang des Reichs der Fanes und der Verlust der heilen Welt. Warum dies alles geschehen ist, was die Schuld des Volks der Fanes war, warum die Verbindung zwischen ihnen und ihren (Natur-)Schutzgeistern verloren ging, darüber schweigt der Mythos. Fest steht, dass der Ort ein uraltes Heiligtum war, an dem eine heilende, wohl weibliche Gottheit verehrt wurde.

Lágole, das ist auch jener „seltsame Ort“ mit „verflixten Quellen“, an dem sich Dora, eine der Protagonistinnen in Veronika Oberbichlers Roman Laute Wasser, vermeintlich einen Tinnitus zuzieht und sich seitdem in einer eigenartigen Schwingung zur Welt befindet. Sie und ihre Zwillingsschwester Luise haben sich erst kurz zuvor kennengelernt, nachdem sie Jahrzehnte voneinander getrennt aufwuchsen: Luise in einem Ort im Pustertal, Toblach wohl, bei der Mutter, dem Bruder Simon und „Tante“ Mina im gemeinsamen Lebensmittelladen; Dora in Baden bei Wien, wohin sie unmittelbar nach der Geburt zum Bruder des Vaters und dessen Frau gebracht wurde. Während Dora um ihre Herkunft weiß – Mina kam einmal im Jahr nach Baden –, wurden Luise und Simon darüber im Dunkeln gelassen, dass sie eine weitere Schwester haben. Dementsprechend fallen beide aus allen Wolken, als sie davon erfahren. Dass es weitere Halbgeschwister gibt, davon wissen sie, scherte sich der Erzeuger doch keinen Deut um die Kinder, die er in seinem rücksichtslosen Liebesleben in die Welt setzte, talauf und talab: „Dieses bescheuerte Vertuschenwollen seiner unehelichen Kinder.“ (S. 92) Es ist Dora, die erst nach dem Tod des Vaters den Mut aufbringt, mit Luise in Kontakt zu treten und kurz darauf ins Dorf kommt. Sie möchte ihre Geschwister und vor allem ihre Mutter kennenlernen. Diese lebt mit Demenz in einem Pflegeheim. Der Roman ist während der Pandemie angesiedelt und dementsprechend schwierig gestaltet sich ein Besuch bei ihr. Nicht nur Maske, sondern auch ein Test vor Ort und Temperaturmessen sowie das Vorlegen eines Ausweises sind erforderlich.

Zuerst geht es aber darum, dass sich die beiden Schwestern näherkommen. Von Beginn an stellt sich zwischen ihnen eine vertraute Nähe her, so dass sich Luise verwundert und etwas traurig fragt: „Was hätten zwei Augenpaare gemeinsam alles erkennen, ausleuchten können, wären sie nicht getrennt worden?“ (S. 78)

Sie unternehmen einen Ausflug nach Lágole, und bereits beim ersten Besuch nehmen beide auf ihre Art die besonderen Energien wahr, die von diesem Ort ausgehen, der sehr eindrücklich beschrieben wird:

„Vor ihnen lag, wie aus einer Anderswelt gegriffen, eine schmucke Zeile Wasserfälle, ein schwaderndes purzelndes Gewässer, das sich unten in einem ovalen Becken sammelte und geordnet weiter ausdehnte zu einem Teich. Bis zur tiefsten Stelle hin blieb der Grund völlig sichtbar, Gefiedertes Tausendblatt und Nixkraut waberten hellgrün, schmeichelten um rundes Gestein, und der weiße und gelbe Kiesel blinkte unter der Wasseroberfläche, die ein großes Glitzern und Surren war und auf Dora und Luise eine unwiderstehliche Anziehung ausübte.“ (S. 80 f.)

Beide entdecken eine Quelle, und jene Doras scheint eine Öffnung tief in die Erde hinein zu sein. „Schatten und Töne vom Rand der Welt. Eine ungeheuer und mächtig rollende Welle kam geradewegs auf sie zu, direkt aus diesem Inneren der Erde heraus, eine Schallwelle, die an uralten Felswänden schon gebrochen war und größer, gewaltiger dadurch noch, jetzt in einem gleichzeitigen Echo und Antrieb bereits angedockt war.“ (S. 84)

Dora, als Geologin eine Frau der Wissenschaft, erschrickt über die Macht dieses Orts, von dem sie einen Tinnitus, dem Kalben von Gletschern ähnlich, mitnehmen wird. Es sind wahrlich laute Gewässer, die in diesem Roman beinahe den Status von Protagonistinnen haben und mit diversen Geräuschen, ihrem Plätschern, Strömen, Sprudeln und Gurgeln, förmlich danach schreien, gehört zu werden, wahrgenommen in dem, was sie zu sagen haben. Und dabei nicht minder tief sind als die sprichwörtlichen stillen Wasser.

Gemeinsam mit Luise, die als Journalistin beim Tagblatt der Region arbeitet und einen „Aufmacher“ über den Fanes-Mythos schreiben soll, spricht Dora über die verloren gegangene Rajeta, den sagenumwobenen Stein der Fanes. „Manche nennen ihn ein Heiliges, ein Mysterium, das alles Lebendige erfasst.“ Und darüber, dass es auch in der Mythenwelt ein bedeutendes Zwillingsschwesternpaar gab, das früh getrennt wurde: Lujanta, mögliche Hüterin der Rajeta, die in die Unterwelt untertauchte, und Dolasilla, die große Kämpferin.

Während die beiden Schwestern also ihre Geschichte in dem Mythos widerzuspiegeln vermögen, fällt es Simon, dem Bruder, sehr schwer, sich damit anzufreunden, eine weitere Schwester zu haben. Eine Art Eifersucht, er liebt Luise zutiefst, und auch eine Form von Beschützerinstinkt dem Vater gegenüber, der seinerseits ihn nie anerkannte, lassen ihn lange zögern, Dora zu treffen. Bis zum großen Showdown, von dem nur verraten sei, dass er als eine Art surreales Numinosum in Lágole spielt, muss aber noch viel geschehen. Vor allem kommt es zu einem Besuch von Dora im Pflegeheim – ein gemeinsam mit Luise ausgeheckter Plan ermöglicht es. Diese Szene, in der es zur ersten Begegnung zwischen der dementen Mutter und der verlorenen Tochter kommt, gehört zu den eindrücklichsten und berührendsten im Buch. Sie wirft ein Schlaglicht auf die Frage, wie sehr das demente „Vergessen“ tief im Inneren gespeichertes Leiden und Erinnerungen nicht zu tilgen vermag, dieses aber von der Umgebung – die Mutter reagiert einige Tage später mit einer das Pflegepersonal zutiefst irritierenden Handlung, die wir als Leserinnen zu interpretieren wissen – nicht eingeordnet werden und dem daher nur mit einer Verstärkung der medikamentösen Behandlung begegnet werden kann, was wiederum den Zustand der Mutter verschlechtert, sie nach und nach in völlige Apathie verfallen lässt.

Des Weiteren schlagen sich Luise und Dora mit unterschiedlichen Liebesabenteuern herum, und auch die Frage, was das nun denn war zwischen Mutter und „Tante“ Mina, wird immer wieder hitzig und kontrovers diskutiert.

Was kann weibliches Begehren sein in einer patriarchalen Welt und wie kann sein Erleben beschrieben werden? Was kann die Erinnerung an weibliche Macht, an eine „Muttermacht“, wie sie Dora einmal, selbst erschrocken über dieses Wort, nennt? Auch um diese Fragen kreist der Roman, der äußerst spannend geschrieben und durch den Wechsel der Erzählperspektive in den einzelnen Erzählsträngen abwechslungsreich ineinander verflochten ist und manchmal mit üppig verwendeten Adjektiva den Schönheiten, aber auch Abgründen der Welt beizukommen versucht.

Das Thema „Südtirol“ spielt dabei eine marginale Rolle, wenn auch Luise zu Beginn einige sehr markante Aussagen über die „Wagenburgmentalität“ (S. 99) und über „eine ins Erbmaterial gestanzte Schutz- und Verteidigungshaltung, diese Grenz- und Abgrenzungsversessenheit des Landes“ (S. 73) fallen lässt.

Viel mehr nämlich geht es um weit zurückliegende Aspekte der Geschichte mit großem G und um ein Wissen, das, verschüttgegangen, nur mehr erahnt oder eben wie im vorliegenden Roman beschrieben oder weitergeschrieben werden kann. Jedes der sieben Kapitel wird nämlich mit einer poetischen Passage eingeleitet, in dem die Verfasserin die Geschichte der Tsikuta fortschreibt, auf Anita Pichler und auf Ulrike Kindl aufbauend, neue Aspekte dieser jahrtausendealten Erzählung hinzufügt und sie so in die Gegenwart holt, jene der Geschwister, die sich wiedergefunden haben, aber auch in jene von uns Leserinnen. In ihnen können wir die Spuren alten matriarchalen Wissens bis ins Handeln der einzelnen Figuren hinein verfolgen, und vielleicht auch in uns selbst. „Tsikuta wollte nicht mehr vergessen.“ – In diesem Satz, Ouvertüre zum fünften Kapitel, spinnt Oberbichler den alten Mythos weiter. In ihm wurde vergessen, so wie auch in der Gegenwart der Erzählung, und das Heil der Welt ging verloren. Nun hingegen ist es an der Zeit, sich zu besinnen und nicht mehr zu vergessen. Das nicht, worin wir uns – wie etwa die Mutter, als sie einwilligte, Dora wegzugeben – schuldig gemacht haben, sowie auch das nicht, wovon wir nur mehr bruchstückhaft Kenntnis haben. Und auch das sollte nicht vergessen werden, was geschieht, WENN wir vergessen. Dazu brauchen wir uns nur in unserer Welt umzusehen.

„Vergessenes Wissen ist nicht rekonstruierbar.“ So endet das Kapitel „Tsikuta“ von Ulrike Kindl, das, aus dem Band Die Frauen aus Fanis von Anita Pichler im Haymon-Verlag 1992 übernommen, im Roman Laute Wasser abgedruckt ist. Dem stimme ich zu. Und füge hinzu: Literatur jedoch kann die immer noch leuchtenden Scherben der vergangenen Mythen aufgreifen, sie mit Erzählungen und Konflikten der Gegenwart zusammenkitten und ihnen so zu neuem Glanz und uns zu neuen (inneren) Erkenntnissen verhelfen. Veronika Oberbichlers Roman ist ein wunderbares Beispiel dafür. Ebenso kann Literatur Surreales, Mythologisches und Reales, Alltägliches miteinander zu einer spannenden Einheit verbinden. Auch das zeigt uns dieser Roman.

Diese Rezension erscheint ebenso auf https://literaturtirol.at/lilit/post/rezensionen-2026.

Das Foto wurde in der Gärtnerei Seidemann aufgenommen. Der (rote) Mohn ist das Attribut von Tsikuta.

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