„Von Neugeborenen tropft es. Sie sind noch nass von der Ewigkeit. Auch Lene trug diese Spuren. Allerdings wurde sie in eine Fleischersippe geboren, wo die Menschen im Inneren Gefrierfächer tragen
Dieses Zitat aus dem Roman „Jenseits der eigenen Hände“ von Gerda Sengstbratl aus dem Jahr 2006 spiegelt in seinen drei Sätzen das bittere Konzentrat wieder, aus dem eine reiche literarische Produktion hervorgeht. Die tiefe Kränkung, die aus den Gefrierfächern des Inneren heraus auf das kleine Kind übergeht, ihr jegliche Berührung durch die Mutter verwehrt, die damit beschäftigt ist, halbwegs durchs Leben zu kommen; die Einsamkeit von allem Anfang an, die eine Verwehrung von Wärme und Zärtlichkeit ist – all dies könnte man als Grundtrauma beschreiben, aus dem heraus einige von Gerda Sengstbratls Werken entstehen als ein Versuch, das Ungeheuerliche in Sprache fassen und es gleichzeitig zu überwinden. Die Erzählerin und der Bruder sind dabei „Zwillinge aus der Tyrannei“; die Geschichte eines jeden von ihnen ist „nur eine Variation des Themas“, nämlich das Trauma des ungeliebten Kindes. Dieses Trauma bildet die Basis für den kurzen, aber eindrücklichen Band „Ein Bruder wächst in mir, wie Gras, wie Veilchen, wie Baum wie Wald“ über die Alkoholsucht des Bruders. Von der Wucht des Tieretötens im Beruf des Vaters, der auch seiner werden sollte, gebrochen, kann dieser seine Krankheit mit der Unterstützung der Schwester überwinden, die dabei selbst an die Grenzen ihres Daseins kommt. „Vergessen“, „Erinnern“, „Beschwören“ – unter diesen sich abwechselnden Überschriften beschwört die Autorin selbst in kurzen, intensiven Kapiteln das kräftezehrende Auf und Ab des Lebens und Mit-Erlebens eines Suchtkranken. Vergessen werden sollen die Situationen, wo der Bruder seinen Tag nicht meistert, nicht in die Gänge kommt. Er bleibt dem Ungeheuer, das den Namen Brutus trägt, ein hässliches „Pelztier mit Büschen über den -Augen und fetten Zoten“ (S. 14), ausgeliefert, verliert wie dieses die Kontrolle über sich selbst und die Wörter, ist nur mehr „lallendes Wanken“ (S. 15) ist und lügt sich und den anderen in die Tasche, um an Alkohol zu kommen. Jeder und jede, die an der Seite eines Alkoholikers war, kennt diese erschütternden Momente. Erinnert aber werden die Situationen, in denen Senso, so der Künstlername des Bruders, zu sich findet und es schließlich schafft, seiner Berufung, seinem wahren Glück, dem Malen, Raum im Innen wie im Außen zu geben.
Die Sprache von Gerda Sengstbratl ist eine sehr klare, die nichts an Unschönem ausspart. Und dennoch ist es gerade sie, die Sprache, an der sich die Ich-Erzählerin aufzurichten vermag. Ist es das Anknüpfen an mythologische Figuren weiblicher positiver Energien, die der Erzählerin und auch dem Buch seine innere Kohärenz und seine Stärke verleiht.
Und dann ist ist da die Geschichte des Erzählerinnen-Ichs: „Ein Ich wächst in mir wie Gras, wie Veilchen, wie Baum, wie Wald“, erschienen 2026, ein Jahr nach dem Band über den Bruder. Dieselben Umstände, eine Mutter, die nicht zu lieben vermag, ein Vater, der alle in sein Lebensmodell pressen will, ein Dorf in der österreichischen Provinz. Doch da gibt es dieses Kind, dieses Mädchen, diese Frau, die sich gegen alle Widerstände und Gleichgültigkeiten hinweg in die Welt und ins Leben kämpft und Schicht für Schicht „alle Aspekte des Frauseins auffächert: das Leben, die Bildung, die Körperlichkeit und Spiritualität, die Liebe und das Reisen.“ (Gertraud Klemm auf dem Umschlag des Buches).
Bei dieser Chronologie weiblicher Selbstermächtigung und -behauptung von den 1960er Jahren bis in die 2000er Jahre ist alles klar verortet und benannt und somit lesen wir auch ein Stück Zeitgeschichte, was die Frauenbewegung in Österreich angeht. Das Buch ist klar unterteilt in einzelne Abschnitte, die durch Abbildungen von Gemälden der Autorin unterteilt werden. Journalartig angelegt, arbeitet es zum einen zum einen mit Tagebucheinträgen aus der jeweiligen Zeit, und die Leserin erhält einen sehr persönlichen Einblick in die Erfahrungen und die Entwicklung der Ich-Erzählerin, von ihren Reisen, ihren „Männer-Geschichten“, die zumeist Desillusionierungs-Geschichten sind. Vor allem das Unterrichtsjahr in Bordeaux 1984/85 wird in den ausführlichen Tagebucheinträgen der Fünfundzwanzigjährigen lebendig; deren Suche nach Gefährtinnen im Ansinnen, lustvolles Leben als heterosexuelle Feministin und gesellschaftliche Mitgestaltung miteinander zu verbinden. Wir erfahren von ihren Lektüren, Luise F. Pusch „Das Deutsche als Männersprache“ zum Beispiel, Judith Jannbergs „Ich bin ich“, aber auch Brigitte Reimann, Hélène Cixous, Assia Djebar, Marie Cardinal und viele andere – Autorinnen, die wesentlich waren für jene Jahre, und es auch heute noch sein könnten. Aber auch von der Suche nach einer anderen, einer weiblichen Spiritualität lesen wir, die sich nicht den patriarchalen Strukturen unterordnet, sondern in einer Freiheit des Frau-Seins, die auch das eigene Blut, die eigenen traumatischen Erfahrungen in die Möglichkeit anderer Rituale miteinbezieht. Überhaupt: das Blut. Es rinnt im Vatersmetzgershaus als Todesbote, es rinnt aber auch aus der Frau als Zeichen des Lebensmöglichen. Eine Metapher und eine Realität, die mir während der Lektüre dieses Buches erst so richtig klar wurde.
Zum Anderen finden sich, vor allem in den Kapiteln, die der Kindheit gewidmet sind, kurze episodenhafte Sequenzen, Erinnerungsfetzen, Traumelemente; diese Kapitel gehören für mich zu den literarisch stärksten und schließen an den Ton des Buchs „Jenseits der eigenen Hände“ mit dem bezeichnenden Untertitel „Roman in lyrischer Prosa“ an. Die Erinnerungen an die früheste Kindheit, die womöglich noch in der vorsprachlichen Zeit liegen, in Sprache zu fassen, ist wohl etwas vom Spannendsten, sowohl für die Schreibende als auch für die Lesenden; die Grenze zwischen Wahrheit und Imagination ist dabei in einer Exaktheit nicht mehr auszumachen. Gerade das macht ja Literatur aus, und Gerda Sengstbratls Roman zeigt es aufs Schönste auf, was es heißt, wahrhaftig im Erzählen und im Ton zu sein. Da verlieren Kategorien wie „War das so?“ oder „Ob das wohl stimmt?“ ihren Wert.
Zwischen die einzelnen Episoden sind reflexive Elemente aus der Gegenwart eingeflochten; unter dem Titel „Jetzt“ ordnet die Ich-Erzählerin das Geschilderte ein, sucht es für sich in eine Ordnung zu bringen. Eine Ordnung, die sich auch in den Auflistungen wiederfindet, die ein jedes Kapitel einläuten. Erinnerungshaken an die jeweiligen Jahrzehnte, assoziativ aneinandergereiht, von Pan Tau, Plateauschuhe, Münztelefon, Kassettenrekorder, Bravo-Zeitschrift, Rauchen im Flugzeug, Brickerl, Nudelsalat, Schulterpolster, „Atomkraft? Nein Danke“-Buttons, um nur einige wenige zu nennen, treten vor dem inneren Auge jener, die diese Jahrzehnte miterlebten, ganze Lawinen von Erinnerungen und Erlebnissen los. Die Geschichtlichkeit des eigenen Lebens, aber auch der ganze Reichtum und die Vielfalt an Erfahrungen werden dadurch mit den Aneinanderreihungen spürbar. Vor allem aber die Kraft und Wärme, die von der Ich-Erzählerin ausgeht, die sich berühren lässt, berühren lassen will in vielerlei Hinsicht – das spiegelt sich im Titel des Romans wider, dessen Zitat den Ausgang dieser Betrachtungen bildet: „Jenseits der eigenen Hände“ gibt es Hände, von denen man sich berühren lassen kann, soll und will: nämlich die Anderen und die Welt. Einen Platz in dieser Welt will sie haben, will sie in sich, die groß und weit ist, aufnehmen und gut zu ihr sein. Das ist die tiefe, herzerwärmende Botschaft dieser Ich-Erzählerin, die am Beginn ihres Lebens von Kälte und Lieblosigkeit umgeben war. Ein wahres Wunder, dieser Lebensweg.
Abschließend bin ich bin geneigt zu sagen, dass Gerda Sengstbratl einen wesentlichen Beitrag zur österreichischen Provinzliteratur leistet, wie wir sie von Innerhofer bis Josef Winkler kennen, indem sie von den Beschädigungen und Verunmöglichungen, Versehrungen, aber auch von möglichen Befreiungsschlägen erzählt. Mit dem großen Unterschied, dass hier ein weibliches Ich spricht, das sich seine Wege bahnt und einen Platz in der Welt für sich erkämpft. Die vergangenen fünf Jahrzehnte sind dabei nicht nur Gegenstand einer autofiktionalen Betrachtung, sondern stellen über die individuelle Aufarbeitung hinaus einen Beitrag zur kollektiven (nicht nur) weiblichen Erinnerung dar.
Folgende Bücher kommen vor und möchte ich empfehlen:
Jenseits der eigenen Hände. Roman in lyrischer Prosa. Verlag Bibliothek der Provinz 2006
Mein Bruder wächst in mir wie Gras, wie Veilchen, wie Baum, wie Wald. Story one publishing 2025
Ein ich wächst in mir wie Gras, wie Veilchen, wie Baum, wie Wald. Edition fabrik.transit 2026
Einen Überblick über Gerda Sengstbratls umfangreiches literarisches Schaffen findet man auf ihrer Homepage www.gerdasengstbratl.at
Das Blogbild ist ein Ausschnitt eines Gemäldes von Gerda Sengstbratl.
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