„Auf die Träume und die Freundschaft“*

Carolin Würfels Studie zu Maxie Wander, Brigitte Reimann und Christa Wolf

*Carolin Würfels Widmung in meinem Exemplar des Buches

Maxie Wander und Christa Wolf gehören zu den Autorinnen, die für mich sehr wichtig sind. Ihre Romane, Reflexionen und ihre Kämpfe um Selbstbestimmung als Frau und Autorin haben mich, obwohl durch ein anderes politisches System sozialisiert, sehr geprägt. Daher habe ich mit großem Interesse und mit zunehmender Begeisterung Carolin Würfels Studie Drei Frauen träumten vom Sozialismus. Maxie Wander, Brigitte Reimann, Christa Wolf gelesen.

Die biographische Studie ist ein äußerst spannend geschriebenes, hervorragend recherchiertes und erzählerisch gekonnt aufgebautes Buch. Zum einen gibt es anhand der Biographien der Schriftstellerinnen Aufschluss über die Kultur- und Literaturpolitik der frühen DDR bis in die 1970er Jahre, berichtet von den zunehmend enger werdenden, vielfältigen Mechanismen der staatlichen Zensur, von der Selbstzensur und deren Folgen für Körper und Psyche. Es beschreibt die großen Erfolge der Autorinnen, aber auch deren Misserfolge und Niederlagen. Erfolge, die im Falle von Brigitte Reimann (39-jährig im Jahr 1973 an Krebs gestorben) und von Maxie Wander (1977 als 44-Jährige ebenfalls an Krebs gestorben) sehr früh endeten. Beide konnten die grandiose Wirkung ihrer Romane nicht mehr miterleben: Franziska Linkerhand von Brigtte Reimann, an dem sie zehn Jahre lang arbeitete, erschien 1974 posthum; Maxie Wander konnte zwar die Publikation ihres dokumentarischen Interview-Romans Guten Morgen, du Schöne noch miterleben und sich somit den Traum, als frei schaffende Autorin wahrgenommen zu werden, kurz erfüllen. Wie sehr das Buch Generationen von Frauen beeinflusste, prägte, ja, geliebt wurde, davon gibt uns Carolin Würfels Nachwort eine Vorstellung. Doch dazu später. Christa Wolfs im Buch erzählte Geschichte lässt Würfel mit dem Erscheinen ihres Romans Kindheitsmuster (1976) enden. Lebenslang (also, solange die DDR „lebte“) von der Stasi beobachtet, sich ins Private zurückziehend, hat sich Christa Wolf in den gut dreißig Jahren bis zu ihrem Tod 2011 immer wieder ihrer Position in der Gesellschaft vergewissert und sich somit ihrem Gewissen, ihrer Vergangenheit und ihren Verantwortungen, und das bis zuletzt, gestellt.

Zum anderen erzählt das Buch leidenschaftlich von den Kämpfen der drei Schriftstellerinnen um ihre Freiheit in einem immer enger werdenden Staatssystem, aber auch von den Kämpfen, sich darin als Frauen zu behaupten, deren Leben mehr als das Dasein als Hausfrau und Mutter, als ideale Gattin beinhalten sollte. So verschieden ihre „privaten Frontkämpfe“ auch waren, so war ihnen gemein, dass alle Drei von den Ideen des Sozialismus als Garanten einer gerechten Gesellschaft überzeugt waren, sich aber nach und nach der Desillusion stellen mussten, dass „das Kollektiv, die Gemeinschaft, zwar über allem [stand], das meinte aber keineswegs, dass dieses Kollektiv auch die Einzelne schützte oder vor sich stellte.“ (211) Auf inhaltlich und literarisch unterschiedliche Weise stellten sie das fragile Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft auf den Prüfstand und mussten dafür hinnehmen, angefeindet, bespitzelt oder nicht publiziert zu werden. Trotz alledem waren sie Bestseller-Autorinnen. Kaum erschienen, wurden ihre Bücher von den Leserinnen und Lesern verschlungen, da sie in literarische Sprache gossen, was diese bewegte. Literatur kann eben nicht nur, wie von offizieller Seite eingefordert, Ideales zeigen, (sozialistische) Utopie in die Darstellung von Menschen gießen. Sobald man Figuren entwirft und sich empathisch auf sie einlässt, kommen unweigerlich auch deren Zweifel, Ängste und Bedürfnisse hoch, die weit in die Figuren hinein- und über die geforderte Darstellung von Heldinnen und Helden der Arbeit hinausreichen. Genau das war es ja, was die Bücher der drei befreundeten Autorinnen so erfolgreich machte.  Brigitte Reimann zum Beispiel stellte dies meisterhaft in ihrer Franziska Linkerhand dar, genauso wie sie, die sich in ihrem kurzen Leben für Städtebau interessierte, in dem sich das Zusammenleben der Menschen organisierte, den Staats-Architekten vorwarf, keine Räume mitzudenken, die Freiheit ermöglichten, keine Orte des spielerischen Seins zuzulassen inmitten der unerbittlichen Ordnung der am Reißbrett entworfenen Wohnstädte.

In der DDR, in der die Gleichheit der Geschlechter per Gesetz festgeschrieben war, war aber auch ein anderer Kampf präsent: nämlich jener, sich über die eigenen inneren Rollenzuschreibungen hinwegzusetzen und sich die Freiheit zu nehmen. Die Freiheit, Schriftstellerin zu sein. Was auch hieß, sich immer wieder zurückziehen zu können von Partnern und – im Falle von Wolf und Wander – von den Kindern. Sich in die entworfene oder zu entwerfende Welt einzuigeln, dort und in den Menschen, die diesen Kosmos bevölkern, aufzugehen, ohne, so weit als möglich, gestört zu werden. Eine Schwierigkeit, mit der schreibende Frauen auch heute zu kämpfen haben, vielleicht sogar stärker als in den Jahrzehnten des Aufbruchs, wie ich die Zeit der 1969er bis 1980er bezeichne. Bände wie Literatur und Care Autorinnen-Kollektiv Undercurrents erichten davon.

Die Utopie, ja die sozialistische Utopie eines freien und gleichberechtigten Lebens aller Bürgerinnen und Bürger – Schritt für Schritt zeichnet Carolin Würfel anhand der Biographien der Autorinnen nach, wie ihr im Lauf der Jahrzehnte das Rückgrat gebrochen wird. Der Einmarsch der sowjetischen Truppen in die Tschechoslowakei 1968 wurde von allen Dreien als einschneidendes und desillusionierendes Ereignis angesehen (so weigerten sich Reimann und Wolf, die vom DDR-Schriftstellerverband geforderte Solidaritätserklärung und nachträgliche Billigung der Niederschlagung des Prager Frühlings zu unterschreiben). Dennoch zeugt gerade der Briefwechsel zwischen Reimann und Wolf von einem manchmal beinahe verzweifelt anmutenden Ringen um einen Sozialismus „mit menschlichem Antlitz“, ebenso wie in ihm die persönlichen Krisen angesichts der Ausgrenzungen sowie der Entwicklungen der DDR zur Sprache kommen. Und auch Würfel stellt die – immer noch aktuellen und nachdenkenswerten Fragen: „Lohnt es sich, an die Idee des Sozialismus zu glauben, oder platzt der Traum unweigerlich, sobald er den Boden der Realität berührt?“ Und: „Können Menschen an Utopien und Ismen nur zerbrechen?“ (248)

Maxie Wanders Lage ist eine andere; so wie sich ihr erstes Haus, das ihnen im Künstlerort Kleinmachnow zugewiesen wurde, (auch die Wolfs lebten u.a. dort) im Grenz- und Sperrgebiet zwischen DDR und BRD befand, so war auch ihr Leben und das ihres Mannes Fred eines von Grenzgängern, Grenzwandlern, die aus kommunistischer Überzeugung in die DDR übersiedelten, dabei aber den österreichischen Pass beibehielten. So konnten sie nach Belieben aus- und einreisen, nach Wien, Paris, London oder wohin auch immer, konnten kommen und gehen, was ein beinahe surreal anmutendes Privileg war. Vor allem Maxie leidet daran, weder ihre Herkunftsstadt Wien noch die DDR als Heimat empfinden zu können, und erst kurz vor ihrem Tod, auch durch die vielen Interviews, die sie mit Frauen in der DDR führt, kann sie endlich so etwas wie Zugehörigkeit herstellen. Doch da ist es schon zu spät: Leben wär‘ eine prima Alternative, heißt denn auch das posthum veröffentlichte Buch mit Tagebuchaufzeichnungen der Autorin, in dem der Leidensweg ihrer Brustkrebs-Erkrankung nachzulesen ist.

Ja, und da ist noch das Nachwort von Carolin Würfel. In ihm zeichnet sie auf sehr persönliche Weise nach, wie sie zu diesem Buch kam. 1986 geboren, verbringt sie die ersten Lebensjahre in der DDR, erzogen von einer sozialistischen Mutter und ebensolchen Großmüttern, die die unterschiedlichsten Lebensweisen vorlebten, die eine ganz in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter aufgehend (was in der DDR eher die Ausnahme darstellt), die andere eine erfolgreiche Journalistin, die als Korrespondentin viele Länder bereiste und u.a. das DDR-Fernsehen mitentwickelte. Was für Frauen wie sie bedeutete, als die DDR zusammenbrach, kann man auch anhand der Figur der Ella in Würfels Roman Zuhause ist das Wetter unzuverlässig nachlesen und nachvollziehen. Und Carolin Würfel erzählt, dass Maxie Wanders Guten Morgen, du Schöne von ihren weiblichen Familienmitgliedern, wie von Tausenden anderen DDR-Bürgerinnen wie ein Schatz gehütet wurde, wie ein geheimnisvoller Code mit mehrfachen Bedeutungen: Mal als Zettelchen am Frühstückstisch als liebevolle Begrüßung, mal aber auch als mahnende Aufforderung, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und zum selbstbstimmten Platz in der Gesellschaft zu finden, so wie die interviewten Frauen im Buch. Denn: „Man braucht etwas, was über einen hinausreicht.“ (243) Vor allem aber ist das Nachwort eine Liebeserklärung an ihre Mutter, ihre Großmütter und Tanten, die selbst nicht in die weite Welt reisen konnten (was Carolin Würfel ganz bewusst tut, so lebt sie in Istanbul, während sie über die drei Autorinnen schreibt), aber ihrer Nachkommin gerade dadurch den Wunsch und auch das Vermächtnis übertragen, immer wieder und unbeirrbar den Weg der Selbstbestimmtheit und der Suche nach Freiheit – auch im Schreiben – einzuschlagen.

Erwähnte Literatur (aus der Bibliographie im Anhang des Buches von Carolin Würfel):

Brigitte Reimann: Franziska Linkerhand. Verlag neues Leben, Berlin 1974.

Brigitte Reimann, Christa Wolf: Sei gegrüßt und lebe. Eine Freundschaft in Briefen und Tagebüchern 1963 – 1973. Aufbau Verlag, Berlin 2016.

Maxie Wander: Guten Morgen, du Schöne. Protokolle nach Tonband. Buchverlag Der Morgen, Berlin 1977.

Maxie Wander: Leben wär‘ eine prima Alternative. Tagebücher und Briefe. Herausgegeben von Fred Wander.  Luchterhand, Darmstadt und Neuwied 1980.

Christa Wolf: Nachdenken über Christa T. Mitteldeutscher Verlag, Halle/Saale 1968.

Christa Wolf: Kindheitsmuster. Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1976.

Carolin Würfel: Zuhause ist das Wetter unzuverlässig. Hanser Berlin 2025.

Carolin Würfel: Drei Frauen träumten vom Sozialismus. Maxie Wander, Brigitte Reimann, Christa Wolf. Hanser Berlin 2022, Insel Taschenbuch 2024

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