In dem Moment, wo man beginnt, sich an einem Ort niederzulassen, mit Freundschaften, Liebschaften zarte Wurzeln und Bande mit ihm zu knüpfen, wird auch an diesem Platz das Wetter unzuverlässig. Bleibt einer also nur das Weiterziehen?
In Carolin Würfels Roman „Zuhause ist das Wetter unbeständig“ (Hanser Berlin), konnte ich viele Gedanken, viele Sätze lesen, die der Anfang von Reflexionen und Gedanken meinerseits waren. Obwohl ich eine Generation älter als Carolin bin, also eigentlich die Zeit mit ihren Protagonistinnen Romy und Alice oder gar mit Ella und Viola teile – irgendwo dazwischen bin ich. Dennoch, das Gefühl von Aufbruch und Ausbruch kenne auch ich, und die Sehnsucht, immer wieder, und sei es fiktional in meinen Romanen, neue Leben auszuprobieren. Ja, „um ein anderes Leben auszuprobieren, sucht sich wohl jede ihre eigenen Wege.“ (S. 81) Diese Sehnsucht ist es auch, die die Geschichten ihrer Protagonistinnen quer durch die Zeiten miteinander verknüpft, sie in ihrem „Unheil“ verbindet, aber eben auch eine Verbundenheit herstellt.
Besonders nahe kam mir Ella. Sie, die eine erfolgreiche Journalistin im „Land hinter der Mauer“ ist (Carolin benennt keine Orte), hat Privilegien, kann sich das, was der Mehrzahl ihrer Mitbürger*innen verwehrt bleibt, nehmen: das Reisen, das sich Ausprobieren an fremden Orten. Und sie braucht das, braucht diese Auszeiten, um der Last der mindestens dreifachen Leben, die ihr, so wie einer Vielzahl von Frauenleben, eingeschrieben ist, zu ertragen. Als das System zusammenbricht, steht sie buchstäblich vor einem Nichts: Nichts von dem, was sie gern tat, worin sie gut war, zählt mehr, im Gegenteil. Es verschwindet, wird von allen zum Verschwinden gebracht. Und so … verschwindet auch Ella, in ihrer Krankheit und letztendlich in ihrem frühen Tod.
Das Verschwinden und der Tod: das ist ein starkes, ein großes Thema in diesem Buch. Anna geht ins Meer, Alice hängt sich während eines Hochwassers im Keller auf, und der gesamte Roman ist durchzogen von lapidaren Sätzen zur Art, wie sich Künstlerinnen und Schriftstellerinnen durch die Jahrhunderte hindurch das Leben nahmen.
Das Leben nehmen. Ist es das, was auch die Hauptfigur will, die namenlos bleibende Tagebuchschreiberin, allerdings im zweifachen Wortsinn? Sie will ausbrechen, brechen mit der Abfolge unglücklicher Leben ihrer Mütter und Großmütter. Die Auszeit, die sie sich nimmt, führt sie sie zum Tod? Oder doch – verändert – zurück? Das Buch ist auch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Mutter-Sein – oder, wie junge Frauen, ziemlich junge Frauen, mit verklärten Augen, heute oft sagen: Mama-Sein. Welch ein Unterschied allein im Wort! – In Carolins Buch geht es ums Muttersein. Allein in diesem Wort sind auch die harten, unerbittlichen Seiten dieses „Seins oder Nicht-Seins“ aufgehoben. Und die Protagonistin trifft auch für mich, sehr spannende Feststellungen und Beobachtungen, wenn sie zum Beispiel sagt: „Ein Kind ist ein Kampf, und Muttersein heißt, ständig Krieg führen zu müssen. Nicht gegen das Kind, das manchmal auch, aber vor allem gegen sich selbst: die liebende Muter gegen die freiheitssuchende Frau.“ (S. 33) Sie stellt Fragen, die mich innehalten lassen, die in mir weiterarbeiten, über die ich – auch – gern schreiben möchte, da sie auch mich beschäftigen: „Warum sind unsere Ansprüche an Väter so gering und an Mütter so hoch? […] Ich lasse mich aus über Mütter und Großmütter und all ihre Unzulänglichkeiten, aber wo sind die Männer, die Väter, die Großväter? Ihr Teil des Spielfelds bleibt gespenstisch still und leer.“ Stimmt das? Haben sich Frauen, Schriftstellerinnen, nicht auch mit den Verantwortungen, den Verantwortungslosigkeiten, der Gewalt und der Schuld ihrer Väter, Großväter und Ehemänner auseinandergesetzt? – Stoff fürs Grübeln und Nachdenken gibt es genug in diesem Buch, einzelne Sätze, die lange nachhallen.
Und dann. Ja, dann. Dann ist da noch das Wasser. Einige Passsagen, die mich so berührten, und die mir klar machten, warum ich Städte am Wasser oder im Wasser so sehr liebe:
„Wenn wir uns in der Nähe von Wasser befinden, sollen unsere Gehirne in einen halbmeditativen Zustand gelangen, de als „Driften“ bezeichnet wird. Driften ist eine besondere Form der Aufmerksamkeit, bei der wir mit der Welt um uns herum beschäftigt sind, aber nicht darauf ausgerichtet sind, etwas zu erledigen.“ Welch schöner, welch utopisch anmutender Zustand! Driften. Ein Zustand, sanft, offen, zugeneigt. Ohne Zwang und Druck. Hin zum Ich, und hin zur Welt. Viele Verkrampfungen, individuelle und gesellschaftliche, ließen sich dadurch … ja: lösen.
Auch in Tatjana Von der Beeks Roman „Blaue Tage“ (Kampa Verlag) geht es um verkrampfte, besser gesagt, um verhärtete Beziehungen zwischen Menschen und darum, diese Knoten irgendwie gelöst zu bekommen. Autorin der noch jüngeren Generation, 1993 geboren. Nun verstehe ich auch Tatjanas Aussage, die sie im Lauf der Gespräche fallen ließ, besser: Sie wolle die Realität in die Sprache holen. Was so einfach klingt, ist ein Unterfangen von höchstem Anspruch. Einem Gerecht-werden-Wollen, um das auszudrücken, was außen wie innen geschieht. Das Innen einer Familie, die Konflikte, die innerhalb dieser schwelen. Das Außen ein geschlossenes Setting: Ein Segelturn auf den griechischen Inseln. Die Personen: Leo und Emma, zwei Schwestern, Karl und Onur, ihre Partner. Der Vater, den sie seit zwei Jahren nicht mehr gesehen haben. Die Mutter, als Abwesende anwesend, da verstorben, als Leo, die Jüngere der beiden, ein Baby war. – Man kommt sich nicht aus, den Gefühlen, Ressentiments und Ängsten, den eigenen und jenen der anderen. Und dazwischen die Frage: Wer bin ich und was will ich? – Tatjana Von der Beek hat eine strenge, klare Sprache gewählt, ganz nah an den Empfindungen der Ich-Erzählerin, Leo, entlang. Sie schafft es, die Aufgehitztheit der Situation wiederzugeben, das Flirrende, das wie die brennende Sonne die See, die Empfindungen der Figuren aufheizt. Auch hier finden wir das Thema Mutterschaft: Emma und Onur versuchen über eine Kinderwunschklinik zu einer Schwangerschaft zu kommen, auch Leo und Karl versuchen sich daran. Doch in Leo sperrt sich etwas und sie setzt die Pille nicht, wie mit Karl vereinbart, ab. Als dieser das bemerkt, reist er verletzt und erzürnt ab. In Leo hingegen kommen Erinnerungen an ihre erste Liebe, Vivienne, hoch, vor allem, als Alex als Skipperin den Katamaran übernimmt – niemand von der Familie kann eigentlich so richtig mit einem Boot umgehen, geschweige denn segeln. Während alle an Bord in einer Art Korsett in ihrem Leben stecken, zwischen Berufserwartungen, Kinderwunsch, neuer Beziehung, erscheint Alex als ein Freigeist, die sich für ein Leben als Skipperin entschieden hat, um einen Teil des Jahres am und auf dem geliebten Meer zu verbringen. Alex und Leo kommen sich näher, und diese versteht, was sie erstens nicht möchte und zweitens: was sie möchte. Nämlich mit einer Frau zusammensein. Bei diesem entscheidenden Moment in ihrem Leben imaginiert sie sich die abwesende Mutter, das habe ich als sehr berührend empfunden, als unterstützend und wohlwollend.
Ein weiterer Satz aus Carolins Roman scheint mir auch auf Tatjanas Roman zuzutreffen, nämlich dass man den Vätern weniger „zutraut“ und „zumutet“ als den Müttern. Nun hat Christian, der Vater, in „Blaue Tage“ zwar die beiden Schwestern alleine großgezogen, sich aber seit 2 Jahren nicht mehr bei ihnen gemeldet. Welcher Mutter würde man das durchgehen lassen? – Letztendlich aber stellt sich heraus, dass er zum einen ein Burnout hatte und zum anderen eine neue Partnerin, Rahel, die am Ende des Turns bzw. gegen Ende des Buchs zur Familie stößt.
„Ich fahre nicht mit einer streitenden Crew.“ Diese Aussage von Alex führt vor Augen, wie sehr auf einem Boot jeder von jedem abhängig ist, auf die Verlässlichkeit des Anderen, darauf vertrauen zu können, dass jede die ihr zugewiesenen Aufgaben und Handgriffe fehlerfrei auszuführen vermag. In diesem Sinn ist dieser Turn, auf dem Carolin ihren Roman ansiedelt, das Sinnbild eines funktionierenden Gefüges, zu dem die streitende Familie im krassen Widerspruch steht. Und vielleicht ist es auch dieser Anordnung zu verdanken, dass der Roman zum einen positiv endet in dem Sinn, als sich die Konflikte zwischen dem Vater und seinen Töchtern entschärft, dass Leo weiß, was sie will und ebenso weiß, dass sie nach ihrer Rückkehr auch Karl gegenüber dazu stehen wird. Zum anderen lässt er offen, wie es mit der Beziehung zwischen Leo und Alex weitergehen wird. Die blauen Tage an Bord jedenfalls waren ein bewegtes Kammerspiel der Empfindungen, gekonnt von Tatjanain Szene gesetzt.
Emma, Leos Schwester, hat während eines Landausflugs mitten in einem Olivenhain eine starke Blutung, Anette Selgs Roman „Das Jahr, bevor ich verschwand“ (Schöffling & Co) beginnt damit, dass bei der Ich-Erzählerin, nachdem sie ein kleines Vögelchen, das durch das Fenster geflogen kam, in ihr Küchentuch bettet, als Zeichen der Innigkeit und Wärme, die sie verspürt, das Blut zu rinnen beginnt, nachdem sie zwei Monate lang keine Tage mehr hatte. – Wie erfreulich und befreiend, wenn Vorgänge des weiblichen Körpers enttabuisiert und als selbstverständlich in den Text miteingebaut werden, bitte mehr davon! Und es geht weiter mit einer Beschreibung, was es heißt, wenn dieser Körper in eine neue Phase eintritt: wenn man vom „Obdach sein, Gebärmutter, Brutkasten“ Abschied nehmen muss. Ob man ihn so wollte oder nicht.
Anettes Roman hat eine klare Gliederung: Es wird von den zwölf Monaten erzählt, bevor die Protagonistin ein Jahr Sabbatical nimmt und allein eine große Reise nach Vietnam unternehmen will. Da ist einerseits der Alltag mit Partner Darling, Kind Kim, den Schüler*innen und Kolleg*innen, da ist die Realität, die ab Oktober massiv in die Reflexionen der Protagonistin einbrechen, nach dem Terrorangriff der Hamas auf israelische Zivilist*innen und den daraufhin aufflammenden Gazakrieg. Da sind aber auch die Rückblicke, in denen die Protagonistin ihr Leben Revue passieren lässt, von den Konflikten mit dem Vater, von der Mutter, der die Tochter nichts recht machen konnte, von Hagen, der ersten großen Liebe, die immer noch durch ihr Leben „geistert“ (und manchmal auch durch ihr Bett…), von den Aufenthalten als Au-Pair-Mädchen in Paris. Und da ist die große, bedingungslose Liebe, die sie mit ihrer Großmutter verbindet. Die Beschreibung von deren Tod gehört zu den eindrücklichsten und schönsten Passagen des Buchs. Anette verschont die Leser*innen und vor allem sich selbst beim Erzählen – denn es ist wohl ein eindeutig autofiktionales Buch – nicht; wir lesen von der Abtreibung, die die Protagonistin lange an ihren Freund kettet, in einer Art gemeinsamer Aufarbeitung. Wir lesen aber auch von Ängsten der Mutter, vom Beinahe-Ertrinken des Sohns während eines Urlaubs, von den Krisen eines Paars, das sich liebt, aber schon sehr lange zusammen ist und immer wieder um eine Gemeinsamkeit ringt. „Das Jahr, bevor ich verschwand“ ist für mich vor allem ein Buch, in dem eine Frau abseits der Alltagsroutinen in Familie und Beruf auf der Suche nach sich selbst ist; und so tritt die geplante Reise nach Vietnam für mich zumindest in den Hintergrund. Denn der Roman erzählt von einer viel substantielleren Reise, nämlich von jener auf der Suche nach sich selbst. Diese führt die Protagonistin weit zurück in ihre Vergangenheit, bis in die frühen Mädchentage, und kreist um die erstaunte Frage, wohin den die „strahlende, aufgeregte, junge Frau“, (77), die sie einst war, verschwunden, entschwunden ist. Den Titel könnte man somit noch einmal anders, intimer, lesen und verstehen. Wo ist jenes ferne, vielleicht fremd gewordene und dabei so konstant präsente Ich, das nur darauf wartete, sich entfalten zu können, ohne Madonna oder Mom zu sein, sondern „ein wildes Mädchen, das das Leben entdeckt, die Liebe, das Erwachsensein und endlich auch das Denken.“ (33) Ich finde mein Leben in dem erzählten gespiegelt, kann ganz in die Erfahrungen hineingehen, die im Roman geschildert werden. Sie sind mir sehr nahe, auch die Sehnsucht, die eine Sehnsucht nach dem eigenen Selbst ist, das sich unabhängig von den anderen Menschen, auch den geliebten, darbietet. „Dieses Ich, das ich am allermeisten in der Fremde bin, in der ich mit großer Leichtigkeit mutig und offen und wonderful sein kann.“ (77) Genau. Großartigwollen wir sein, meravigliose, fabelhaft, merveilleuses. Wollen diese Empfindung spüren, die uns als junge Frauen so furchtlos, mutig und neugierig durch die Welt gehen ließ. „Wo packen wir unsere Sehnsucht hin? (55) Das Tolle an Anettes Buch ist, dass sie diese Suche völlig unsentimental angeht, mit klarem Blick, mit mal lässigem, mal ernsthaftem, mal schalkhaftem Ton. Die Reise nach Vietnam rückt dabei – zumindest für mich als Leserin – in weite Ferne, und wer weiß, vielleicht besteigt die Protagonistin am Schluss des Romans ja doch den Zug, der sie zurück nach Berlin bringt, auf eine neue Reise mit dem beinahe verlorenen Darling?
Anette arbeitet – wie könnte es bei einer Frau, die ihr Leben lang auch beruflich mit der Literatur verbunden war und ist, anders sein – spannende Bezüge zu Werken der Weltliteratur ein, zu unterschiedlichen Romanen von Marguerite Duras, zu Handkes Linkshändige Frau und deren Glück im Alleinsein, das auch die Protagonistin kennt. Ihre Referenz zum Tagebuch der Anne Frank ist eine ganz besonders innige, schreibt sie doch über deren erste Verliebtheit, in der sich eine so zärtliche und verletzliche Anne zeigte. Es sind nicht ausschließlich, aber doch überwiegend Texte von Frauen, auch Doris Lessing, Carolin Emcke oder Rachel Cusk bezieht Anette in ihre Überlegungen mit ein. Sie spinnt sozusagen ein Netz von Beziehungen und von Bezügen, in denen Frauen mal fiktional, mal in Form von Tagebüchern oder Essays, über ihr Leben, ihr Lieben, ihr Begehren reflektieren. Und es ist herrlich wonderful, was dabei herauskommt.