Gabriele Di Luca hat in seinem Editorial im heutigen Corriere dell’Alto Adige sehr treffende Worte zum Tod von Adan gefunden. Hier meine Übersetzung ins Deutsche:
Beim Tod eines Menschen sagt man gemeinhin: „Sit tibi terra levis”: Möge dir die Erde leicht sein.Doch die Erde ist nicht für alle leicht, vor allem nicht für jene, die gezwungen sind, im geografischen Sinn weite Strecken auf dieser Erde zurückzulegen, um ein Leben in Würde zu finden.
Das Land, in dem Adan, der kurdisch-irakische Junge geboren wurde, der aufgrund eines vermeidbaren Unfalls in Bozen verstorben ist, ist gepeinigte Erde. Adriano Sofri hat es in einer seiner kostbaren Reportagen so beschrieben: „Von einem kahlen Hügelstreifen aus, der von Saddams Bunkern überzogen ist, betrachte ich Kirkuk: eine Ansammlung niederer, geduckter Häuser, so weit das Auge reicht, am Horizont die erdnahen Feuer auf den Ölfeldern der nordirakisch-kurdischen Raffinerien. Hitzeglühender Wind, man muss sich umdrehen, um zu atmen. Dieses unförmige Riesendorf ist dabei, Dubai nachzueifern oder gar zu übertreffen. Zwischen der trostlosen Hässlichkeit von heute und der ordinären von morgen wird es vielleicht keinen Spalt geben, in den sich die Schönheit einnisten könnte.” (Hier die Reportage von Adriano Sofri auf Italienisch) Jene Schönheit oder einfach auch nur jene Normalität, die im kaum wahrnehmbaren Spalt zwischen der Hässlichkeit von heute und jener von morgen die Menschen dazu bringt, sich in andere Länder aufzumachen. Jene normale Schönheit, die für Adan und seine Familie wie für viele andere den Namen Europa trägt.
Zuerst also Schweden, dort der negative Asylbescheid, und dann Bozen. Die Schönheit ist schwer auffindbar, wenn die Erde für die einen eine einfach zu durchschreitende Fläche darstellt, für die anderen hingegen eine Oberfläche ist, die mit Hürden und Hindernissen vollgestellt ist. Die höchsten Hindernisse sind allerdings nicht physischer Natur, auch wenn das Meer Tausende von Opfern verschlingt. Die höchsten Hindernisse sind die Bestimmungen, die makroskopisch die „Flüsse“ regeln, doch auch die Einschränkungen, die ein mikroskopisches Rundschreiben festhält, demzufolge in einer reichen Provinz wie der unseren sogar den so genannten schutzbedürftigen Personen die Aufnahme verweigert wird, wenn diese nicht auf Punkt und Beistrich den Paragraphen entsprechen. Und dann, ja, dann gibt es die architektonischen Hindernisse, über die ein fünfjähriges Kind lachend springen würde, die allerdings, wenn man wie Adan an einen Rollstuhl gefesselt ist, zu einer tödlichen Lebensbedrohung werden können.
Zu viele Hindernisse, zu viele Hürden hat es auf Adans Erde gegeben. Und die Erde, die seinen Körper bedecken wird (sollte dem Wunsch der Familie nachgekommen werden und Adan in unserer Stadt seine letzte Ruhestatt finden), kann wahrlich nicht als leicht bezeichnet werden, weil sie das erdrückende Gewicht all jener Hindernisse in sich trägt. Wir, die wir zurückbleiben, werden dafür Sorge zu tragen haben, dass sich eine Tragödie dieses Ausmaßes in unserer Provinz, die dem Heiligen Herz Jesu geweiht ist, nicht mehr wiederholen kann.