Übersetzung des Kommentars der Philosophin Donatella Di Cesare zur Exophobie, erschienen am 2. Dezember 2018 im Corriere della Sera. Mit freundlicher Erlaubnis der Autorin
Aus der Anti-Politik entstanden: die Exophobie. Wer Sklave seiner Phobie ist, erkennt nicht seine eigenen Grenzen, sondern verlangt im Gegenteil von der gesamten Gemeinschaft Rückzug.
Es wird oft von „Angst“ gesprochen, einem Gefühl, das im Kielwasser der politischen Chronik groß wurde und oft zur Rechtfertigung übelster Beschimpfungen, beleidigender Verhaltensweisen und gewaltbereiter Reaktionen herangezogen wird. „Wenn ich aggressiv bin, dann, weil ich Angst habe. Versuch mich zu verstehen. Punkt.“ Eine dermaßen enge Verwendung des Begriffs verschleiert und verdeckt jedoch, ohne zur Klärung beizutragen. Anstatt in die unwägbaren Gefühle des Einzelnen einzudringen, ist es nötig, über die Bedeutung dieses häufig missbrauchten Begriffs nachzudenken, hinter dem sich ein komplexes Szenario verbirgt.
Auf die Frage: Angst wovor? folgt unmittelbar als Antwort: vor den unzähligen Gefahren, die auf jeden lauern, sobald er seinen Fuß vor die Haustür setzt. Bedrohungen jeglicher Art, mehr oder weniger nahe, mehr oder weniger verschleiert, aber vor allem: nicht immer real. Nun, kein menschliches Leben ist völlig risikofrei. Man müsste daher eher von einer Phobie sprechen, die viele in ihren Bann gezogen hat, eine Furcht, in der sich zahllose Phantasmen und Gespenstern angesiedelt haben und aus der Misstrauen und letztendlich absolute Intoleranz wird. Eine Phobie gegen alles, was draußen ist oder von draußen kommt: Exophobie. So kann die Abneigung gegen das, was anders und außerhalb ist, genannt werden, diese Abscheu vor dem Fremden und aus der Ferne Kommenden. In diesem Begriff spiegelt sich unsere Epoche mit ihren schnellen Bewegungen, globalen Handelsflüssen und schwindelerregenden Rhythmen wider, die zu einer der aufgeschlossensten hätte werden können und sich statt dessen als eine der abgeschottetsten und ausschließendsten erweist. Die Exophobie ist das Ergebnis einer negativen Reaktion, in der die Politik sich als präventive Polizei erweist, die Folge des unnützen und anmaßenden Versuchs, immun zu bleiben, indem jede Veränderung ausgetrieben und jeder Wandel abgewendet wird. Und das um jeden Preis.
Es handelt sich also nicht so sehr um Gleichgültigkeit, als vielmehr um den Willen, sich zu immunisieren. Man verschließt die Tür vor dem Anderen, den man verbannt, verjagt, auslöscht, da er ja ansteckend sein könnte. Und mit dem Anderen meint man nicht nur den Fremden, der von auswärts kommt, sondern auch jene, die hinausgehen, die es wagen, die Grenzen zu überschreiten und ihren Blick über sie hinaus richten. Die Mobilität wird misstrauisch beäugt, fast so, als ob man sich schuldig machte, wenn man geht. Besser, man bleibt innerhalb der nationalen Grenzen, oder noch besser der regionalen oder provinziellen, am besten man bleibt im eigenen Dorf. Draußen gibt es überall Korruption. Und das ist, nebenbei erwähnt, auch der Grund, warum das politische Phänomen der Korruption schließlich in jenen Bewegungen, die die exophobische Vision auf ihre Fahnen schreiben, dermaßen groteske Dimensionen annimmt: Das Böse kommt von Außen, das Gute von Innen. Dieses Innen jedoch wird immer schmaler und kleiner und läuft Gefahr, durch all das, was anders ist, zu implodieren. Die altbekannten Dichotomien Schwarzer-Weißer, Frau-Mann, Immigrant-Autochtoner werden so in zeitgemäße Formen gegossen.
Die Neuheit besteht jedoch darin, dass die Naivität, die bislang unschuldig war, bösartig geworden ist. Wer nicht imstande ist, Abstand zu sich selbst zu gewinnen, und nicht bereit, über den eigenen Tellerrand zu schauen, stellt mit Groll die eigene Ignoranz der Welt gegenüber zur Schau und hält dies als Flagge einer angeblichen Integrität hoch, als Fahne einer neuen Weltsicht, wobei die Welt jener Ort ist, auf dem man den eigenen Füßen steht. Wehe, man kritisiert diesen Menschen! Wehe, man zeigt Alternativen auf, unterschiedliche Wege, um andere Lebensformen aufzuzeigen! Er könnte wütend werden und sich zu der einen oder anderen Unverschämtheit den eingefleischten Altruisten und ahnungslosen Gutmenschen gegenüber, die nicht wissen, wie die Dinge laufen, hinreißen lassen. Denn genau das bedeutet ja Kultur: Distanz zu sich selbst gewinnen, Fremdheit. Nicht diejenigen, die Wissen horten, sind kultiviert, sondern jene, die sich im Anderen wiedererkennen.
Der neuartige Bösewicht jedoch ist Gefangener seiner selbst, captivus, cattivo, und Sklave seiner Phobie, der, anstelle seine eigenen Grenzen zu erkennen, von Allen Rückzug bis zum Äußersten verlangt, eine Art nationale Gefangenschaft. Das hat ihn die Antipolitik gelehrt, diese Antikultur, die die Exophobie zur eigenen Chance und Grundlage auserkoren hat.
Hier der Link zum Originaltext: https://www.corriere.it/opinioni/18_dicembre_01/exofobia-quella-paura-nata-dall-antipolitica-b269a866-f595-11e8-9c84-9babb02b8ffd.shtml?fbclid=IwAR12oe6MgWea-gCEc68lxIIXbiy2drW18iH31I6iykWt0qoElmWK2QXP5k4
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