Try to understand. Sicilia bedda mon amour

1

Stolz weist uns der Dorfpolizist auf den neuen Hafen hin. Er ist einer der größten an der Nordküste Siziliens. Unverschämt groß für ein Dorf, in dem im Winter 5000 Menschen wohnen, im Sommer an die 30.000. Eine Betonburg, an der die Wellen des häufig stürmischen Meeres hochschäumen und abprallen. Wie alle Touristen wahrscheinlich drehen auch wir eines Abends eine Runde dort. Einige Fischkutter, die rostig und schief im Wasser liegen, zerfetzte Stoffbahnen vom Wind bewegt. Drei oder vier Motorboote, abgedeckt. Die Männer des Dorfes sitzen dort und angeln. Jogger laufen über die Betonmolen, die so hoch sind, dass man keinen Blick auf das nahe Wasser hat. Man hört es und man riecht es. Väter und ihre Söhne und Töchter, die gerade den Führerschein machen, drehen ihre Übungsrunden auf dem endlos scheinenden Gelände. Hunde liegen schläfrig aber wachsam stets im Schatten der parkenden Autos. Ich bewundere die Kunst der Bewohner, aus dem, was da ist, etwas zu machen. Das, was nicht da ist, fehlt nicht.

Ist der Hafen denn schon fertig?, fragen wir am nächsten Tag den Dorfpolizisten, der unser Vermieter ist und uns gerne besuchen kommt.

Nein. Ich sehe die Scham im Winkel seiner Augen.

Ja, bis wann denn? Das weiß man nicht. Wir wechseln das Thema.

Er schickt seine Tochter auf das humanistische Gymnasium im nächst gelegenen größeren Ort. Seine Augen leuchten, wenn er vom Olivenhain erzählt und vom Öl, mit dem die Familie das ganze Jahr auskommt.

 

2

Sie haben gelernt zu morden und zu töten in jungen Jahren, sie beweisen, dass sie dazu imstande sind; Leben nehmen, Dunkles zufügen. Später dann ist es ihnen auferlegt, wie einsame Wölfe durch die Gegenden und Landstriche zu streunen, wo sie jeden Stein, jedes leere Gemäuer, jeden abgebrannten Busch kennen und jeden Menschen, die spärlich sind im Gebirge. Die Hunde auf den Gehöften erkennen sie, wenn sie aus dem Dunkel kurz heraustreten in die sonnige Mitte, und ziehen wie getreten ihren Schwanz ein. Dort treffen die Männer ihre Vertrauten, dunkel wie sie.

Diese verköstigen sie in ihren Häusern, deren Frauen und Mütter waschen die Wäsche, versorgen sie mit sauberer Kleidung. Sie sind bereits der Boss, im Keim angelegt, ihr Ruf eilt ihnen voraus. Der Boss, Sohn des Bosses, Sohn des Bosses. Unterworfen, unterwerfen sich die Menschen des Landstrichs nun ihm. Er musste beweisen, dass er dem Vater ebenbürtig, dass er ihn sogar zu übertreffen vermag. Er heckt daher Böseres aus und Hinterlistigeres auf seinen Wegen in der Nacht. Die Menschen am Tag haben es auszustehen, die Hunde bleiben an der Grenze des Gehöfts stehen und bellen ihm verständnislos nach.

 

3

Wenn man es gut mit uns meint, trifft man es falsch. Nicht einmal streunende Hunde auf den Bergen rund um Gibellina. Kein Müll auf den Straßen, Menschenleere. Einzig vernehmbar das leise Surren der metallischen Segel der Windräder auf den Hügeln. Und das Knacken der Glassplitter, auf die wir treten in den vom Erdbeben zerstörten Gebäuden. Die stehen, als seien sie gestern verlassen worden. So stehen seit 40 Jahren. Der Kern des Dorfes einbetoniert, nur die Straßen und Gässchen ausgespart. Man kann zwischen den hohen Betonwänden herumgehen, Labyrinth der Erinnerung. Keine Gedenktafeln, keine Hinweise. Auch wer nichts weiß, kann erahnen. Einst belebte Mauern, sind sie jetzt Schemen, Phantasmen von zerstörtem Leben.

Die landwirtschaftliche Nutzfläche rundherum haben sich die Menschen zurückgeholt, Weinreben und Zitronenplantagen dicht an die Ruinen heran angelegt, aus denen heraus Bäume wachsen. Kein Hälmchen zwischen den Pflastersteinen, zu oft bricht hier unvermutet Feuer aus, das von selbst wieder verlöscht, früher oder später. Für ein Feuer im alten Gibellina rückt keine Feuerwehr aus.

Im neuen Gibellina gibt es keinen Friedhof, er wurde bei den Ruinen gelassen. Die Lebenden haben so die Erinnerung an das Geschehen vor Augen dann, wenn sie ihre neuen Toten begraben. Doch das bräuchten sie nicht. Die Menschen hier haben ein altes Gedächtnis.

Viel Kunst im neuen Gibellina – weithin sichtbar eine überdimensional große Blume aus Metall am Dorfeingang. Nach neuesten städteplanerischen Prinzipien erbaut, eine Agora, Häuser, so voneinander entfernt, dass man nicht den Duft der Wäsche der Nachbarin in der Nase hat, nicht den Streit nebenan mitbekommt und schlichten könnte, nicht gemeinsam vertraut am Abend die Stühle auf die enge Straße stellt, um jedes vorbeifahrende Auto aus der Nähe zu beäugen. Einen Spielplatz gibt es, die Kinder brauchen nicht mehr in den engen Gässchen spielen, nicht mehr zwischen Weinreben und nicht unter Mandelbäumen herumtollen. Er ist leer.

Kunstschaffende haben mit großem Einsatz und freiwillig ihre Kreativität zur Verfügung gestellt, um aus dem neuen Gibellina einen lebenswerten Ort zu machen. Es ging daneben. Ordentlich. Sie wollen hier nicht wohnen, die Überlebenden von Gibellina und deren Nachfahren. Sind weggezogen, weit weg.

4

Sie lernen, sich ihr Selbst auszutreiben, sie sind nichts und niemand und deshalb sind sie der Boss. Überall und nirgends. Latitanti, Verschwundene und Gejagte, die sich ins Fäustchen lachen hinter ihren falschen Gesichtern, in südfranzösischen Kliniken zur Unkenntlichkeit umoperiert, dort wo auch Staatspräsidenten ihre Miene auf jung trimmen und medienwirksamer aufputzen lassen. Fremde Allerwelts-Fratzen, die ihnen aus dem Spiegel entgegenschauen dann. Ihre Identität beziehen sie woanders her. Ich bin nicht der, den ihr sucht. Ich bin niemand. Was wollt ihr. Die Hunde bellen auch des Nachts, jaulen von Hof zu Hof und geben so die Klagen der Menschen weiter. Gegen Morgen verstummen sie, im Taglicht werfen sie sich unter die Räder des erstbesten Wagens, der vorbeifährt.

Derweil feiern die Menschen in den Dörfern und Städten, gehen ihrem Gewerbe nach und bleiben klein. Sie strecken sich nicht nach der Decke, der blaue Himmel erbarmungslos weit von ihnen entfernt. Wo nur die Faust ins Gesicht wartet, der Schuss ins Genick. Und sie schämen sich dafür. Dafür, dass ihnen erlaubt ist, nur zu überleben.

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