löwenjunge / warum nur / miaut er / in seiner / wüste
leoncin / perchè mai / miagola / nel suo / deserto
Während eines Vortrags zu Gerhard Kofler, in dem seine Selbstübersetzungen von der lingua eletta, dem Italienischen, in seine Muttersprache, das Deutsche, Gegenstand der Untersuchung war, ging mir einiges durch den Kopf (ja, das kann Wissenschaft auch, wenn man sich einlässt auf sie und gleichzeitig die Gedanken zum Fliegen bringt).
Ich sitze neben einer Kollegin, die Lyrik-Spezialistin ist. Sie und ihr Mann sind Eltern von zwei äthiopischen Kindern. Ich bin gedanklich gerade mit der Übersetzung eines poetischen Notats von n.c. kaser, aus dem italienischen ins Deutsche beschäftigt. Und ich denke an Ousman, an Amadou, meinen Freund und Patensohn, dessen Schicksal über seinen Verbleib in Italien, in Europa, in den nächsten Tagen vor Gericht entschieden wird.
Jeder hat sein eigenes „deserto“, seine Ödnis, seine Wüste, seine Einsamkeit. Und ist doch über unterirdische Kanäle mit der Oase verbunden, in der er auf andere Menschen trifft.
Der Vortragende hängt die Interpretation eines Gedichts von Kofler gerade am Wort „arrugginito“ bzw. im Deutschen „verrostet“ auf und meint, dass das italienische Wort „rostig“ bedeute, wohingegen durch das deutsche Partizip Perfekt „ver-rostet“ eine Zeitebene hinzu genommen wird, die im Italienischen fehlt. Falsch, denke ich, auch „arrugginito“ ist Partizip Perfekt des Verbs „arrugginire“, rostig heißt rugginoso. Die weitere Interpretation interessiert mich nicht mehr, da sie von falschen Prämissen ausgeht.
Ich möchte Kathrine gerne fragen, ob ihre Kinder auch die Sprache ihres Ursprungslands kennen, ob diese Tigrinya ist, ob sie von den Amharen abstammen. Ob das für sie, Kathrine, von Bedeutung ist, ob für die Kinder.
Ein Gedicht über Bozen steht nun im Mittelpunkt der Interpretation. Bozen, „bella città“, ja, das empfinde ich genau so. Eine schöne Stadt, in der „zwei sprachen fließen / ohne daß die eine / die andere / durchdringt“ . Der Vortragende hebt die viele Interpreten verstörende deutsche Übersetzung von „accanto“ mit „undurchdringlich“ hervor. „Accanto“, dazu hat er viele Assoziationen, die ihn zum „Canto“ führen, zur poetischen Liedtradition, zu den „Canti“, denen sich Kofler sicherlich verbunden fühlte. „Accanto“ heißt doch einfach „nebenan“, „nebeneinander“, denke ich bei mir. Und dass das Deutsche mit dem „Undurchdringlich“ viel stärker betone, dass die beiden Sprachen nebeneinander stünden, ohne sich je zu berühren.
Ich denke an mein Bozen, an mein „quartiere“, mein Viertel, in dem es längst nicht mehr diese beiden Sprachen sind, die nebeneinander existieren, die sich nicht berühren. Die „zwei sprachen“ von Koflers Bozen haben sich miteinander arrangiert, man könnte, von Bozen, auch sagen, miteinander verbündet. Das unterscheidet diese Stadt sicherlich von den anderen Städten bzw. Orten in Südtirol. Sie haben ein Arrangement gefunden, auf schwindligen Boden zwar, der immer wieder Risse bekommt. Aber ein Arrangement. In Abgrenzung gegen die anderen Sprachen, die zunehmend in Bozen gesprochen werden. In meinem „quartiere“ vor allem.
Ich erzähle Kathrine von meinem Übersetzungsprojekt, die Schwierigkeit, die schon beim ersten Wort beginnt: „Leoncin“ : im Italienischen männlich, „Löwenbaby“ passt daher gar nicht, ist zu verniedlichend und verkleinernd. In „Leoncin“ steckt bereits die zukünftige Kraft und gleichzeitig die spezielle Beziehung des Männlichen zu seiner Mutter, auf die in der zweiten Strophe des Notats referiert wird. Wir suchen gemeinsam nach Möglichkeiten. Löwenjunge, Junger Löwe, Löwenbub, Löwenkerl … Bui, warum nicht Bui, meint Kathrine spitzbübisch. Und bringt mich damit auf eine Spur. Warum nicht Kasers Gedicht in Mundart übertragen, in die Mundart jenes Tals, dessen Enge er verzweifelt zu entrinnen versuchte.
löwnbui / prum lei / raunzt a / alluane / umedum
Die „Wüste“ nehme ich heraus dabei und entscheide mich für die Bedeutung des Wortes „deserto“ im Sinne von „Ödnis, Einsamkeit“, die im Italienischen als Konnotation im Wort enthalten ist.
Und weiter: warum nicht in das Sprachengemisch übersetzen, das ich heute aus meiner Stadt, aus Bozen, kenne?
leoncin / worum lei / miaut’r umadum / in sein / deserto
Warum nur fällt mir das ein, während ich einem Vortrag über Gerhard Kofler lausche? Kofler hat sich bewusst auf die zweite Sprache eingelassen, auf die Sprache der Sehnsucht, der Liebe, auch des Lachens, des Humors, wenn er Gedichte im neapolitanischen Dialekt verfasste. Er vertiefte sich in die zweite Sprache, eignete sie sich an über Reisen und Lektüren, wollte ihre Feinheiten erfassen, sie sich einverleiben, ganz in ihr sein. GANZ in ihr sein. So sehr, dass ihm die erste zur zweiten wurde, und diese mehr geliebt als die erste. Darin kann ich ihm folgen, die Sprache, für die man sich entscheidet, kann man bewusst mehr lieben als jene, die man mit der Muttermilch aufsog sozusagen. Weil es ein AKT der ENTSCHEIDUNG ist, so wie man sich für den Menschen, den man liebt, entscheidet.
Mich fasziniert an Ousman seine un-besorgte Art, mit Sprachen umzugehen. Es ist ihm nicht wichtig, ob es Französisch, Englisch, Italienisch, Wolof, Mandinka oder Foula ist. Er bezeichnet sie nicht.
Man dem casa Isa pour eat. Ich gehe in Isas Haus um zu essen.
Er verwendet die Wörter, um sich verständlich zu machen, in einer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, die mir, zweisprachig aufgewachsener Germanistin, die Atemluft gefrieren lässt, mich aber dann ein Gefühl von Freiheit erahnen lässt, die jenseits der einstudierten Gesten und Rituale liegen. Dennoch ist er sehr exakt und genau in dem, was er wie benennt. Er geht nicht sorglos um mit den Wörtern. Aber anders als ich es gewohnt bin.
Namen sind wichtig. Daher habe ich jetzt auch einen afrikanischen Namen. Ich bin Fatou, die Erstgeborene Tochter Mohammeds. Das hat eine Bedeutung insofern, als ich die Erstgeborene in meiner Familie bin. Als Tochter Mohammeds besaß Fatou, arabisch auch Fatima, eine besondere Bedeutung in dem, was sie sagte. Ousman hört auf mich, ich bin seine europäische Wegweiserin. Es ist nicht egal, was ich wie zu ihm sage.
Er merkt sich sehr genau, wenn ein Wort in unseren europäischen Sprachen mehrere Bedeutungen hat. Das kennt er vom Wolof oder Foula, seinen beiden Sprachen, nicht. Es fasziniert ihn und ein Lachen der Erkenntnis entfährt ihm, wenn ich ihm sage, dass „Tempo“ sowohl die „Zeit“ bezeichnet als auch das „Wetter“. Mir fällt auf, dass ich ihm das vielleicht deshalb so gut erklären kann, weil ich das Italienische eben auch erfahren musste durch die Sicht einer anderen, nämlich meiner Muttersprache.
Er kann Italienisch lesen mittlerweile. Er liest gut. Doch oft versteht er den Sinn der Wörter nicht, die er liest. Ich bewundere ihn dafür, dass er den Willen zu lesen – und zu verstehen – nicht verliert. Ich habe lesen gelernt in der Sprache, die ich zuvor gesprochen habe. Welch ein Luxus, denke ich mir, bei den einfachsten Dingen, die uns selbstverständlich erscheinen.
Weil er deren Bedeutung nicht kennt. Ich versuche, sie ihm mittels Englisch und der paar Wörter Wolof, die ich kenne, zu erklären.
Wir sollten aufhören mit unseren Kämpfen um die Vorherrschaft von Sprachen. Sie machen, gerade in einem Kontinent wie Afrika, nicht an den nationalen Grenzen, die dort von den Kolonialmächten gezogen wurden, Halt. Auch bei uns nicht. Und wir sollten unbekümmerter sprechen, nach-sprechen das, was wir hören.
Daher nun auch noch diese Übersetzung von Kasers poetischem Notat.
Layon small / Why / dafa miaou / Ci sa / Deserto
So wie er bereit ist, unsere Sprachen zu lernen, so sehr ist er bereit, uns für die seinen zu interessieren. Er fordert es nicht ein, so vermessen ist er nicht, aber er nimmt es als selbstverständlich an. Wenn man sich verstehen will. Wie denn sonst. Viele werden es nicht sein, die sich auf diesen Dialog einlassen, auf dieses Einander Zugehen, das er mitbringt, Amadou. Viele werden ihm sagen, nun bist du hier bei uns, nun hast du auch unsere Sprache zu sprechen. Wie viele Sprachen er bereits erlernte, bevor er zu uns kam. Da sind wir mit unserer kultivierten Zweisprachigkeit ja nur arme Schweine dagegen. Und meinen weiß Gott, wie gut wir damit sind.
Auch ich habe ihm einen Namen gegeben. Amadou. In Afrika eine Form in Anlehnung an Mohammed, denke ich Europäerin an Amadeus, und an die französische Form von Amatus,, „geliebter Mensch“.
Vielleicht können wir einen Menschen lieben, dessen Sprache in der unseren, und damit in uns, die wir uns so stark über Sprache definieren, einen Widerhall auslöst. Die Gemeinsamkeit der Form, die Vielschichtigkeit der Inhalte.
Armer kleiner Löwe, ganz allein in seiner Wüste, miaut wie ein Kätzchen, erbärmlich miaut er. Seine Wüste, die sind wir, die ist Europa. Wo ist seine Mama. Sa yaye. Ist weit weg. Unser Land ist seine Wüste, doch er will sie sich zum Blühen bringen.
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