Vorgestern kamen bei zwei Bombenattentaten in Istanbul 44 Menschen ums Leben. Gestern bekannten sich die Freiheitsfalken Kurdistans (TAK), eine kurdische Extremistengruppe zum Anschlag. Heute schlägt die Türkei zurück: Bei Razzien wurden an die 200 Politiker der prokurdischen Oppositionspartei, der HDP, verhaftet, zudem flog das türkische Militär Angriffe gegen 12 Stellungen der PKK im Nordirak.
Zeit für mich, an einen Roman zu erinnern, der im August des heurigen Jahres erschienen ist. Geschrieben von Bachtyar Ali, kurdisch-irakischer Autor, der seit mehr als 10 Jahren in Deutschland lebt, nachdem er der Verfolgung durch Saddam Hussein entkommen war. Es ist ein Roman, der so viel zu sagen hätte:
Muzafari Subhdam, der Protagonist des Romans, befindet sich auf einem im Mittelmeer treibenden Flüchtlingsboot und erzählt den Mitreisenden, Mitgefangenen, seine Geschichte: Nach zwanzig Jahren Einzelhaft in einem Wüstengefängnis wird er in das Schloss seines einstigen Freundes, des siegreichen Revolutionsführers Jakobi Snauber gebracht. Er ist vom Gedanken angetrieben, seinen Sohn wiederzufinden, den er im Säuglingsalter zurücklassen hatte müssen. Das Buch erzählt die Geschichte dieser Suche. Doch es gibt drei Saryari Subdhams, drei Söhne, und allen dreien wurde als Säuglingen ein gläserner Granatapfel in die Wiege gelegt. Die Lebensgeschichten der drei Söhne spiegelt die unterschiedlichen Schicksale der verwahrlosten, vaterlos aufgewachsenen Kinder in den finsteren Zeiten des Krieges wieder: der eine wird zu einer Art „Robin Hood“, der Held der Straßenverkäufer, der von der Polizei schikaniert wird, der zweite ist ein entseelter Kindersoldat, der dritte, „Schwarzer Stern“ genannt, ist aufgrund seiner Verbrennungen am ganzen Körper in einem Heim kriegsversehrter Kinder. Nur ihn findet Muzafari, und ihm folgt er nun, in diesem Boot, auf dem er erzählt, nach London, um ihn dort in die Arme schließen zu können.
Zahlreich andere Figuren spielen in dieser Suche eine wesentliche Rolle: da sind die beiden Schwestern Laulawi Spi und Schadaryai Spi – die sich einem Leben in Unterordnung verweigern, die schönsten weißen Gewänder anziehen, die schönsten Lieder für die Lebenden und die Toten erklingen lassen und ihre langen Haare im wilden Wind wehen lassen. Da ist Mohamadi Glasherz, der so sehr liebt, dass sein Herz zerspringt und er verblutet. Da ist – als zentraler Sehnsuchtsort – der Granatapfelbaum, in dem sich alles Hoffnungen, Sehnsüchte, Wünsche und Träume der Versehrten, Verstoßenen, Verletzten dieses Buches vereinen. Der strahlende Ort der Ruhe, die große Utopie, die Vision eines Lebens in Gleichklang und Harmonie. Da ist Jakobi Snauber, der erwähnte Revolutionsführer, der sich – in einer umgekehrten Entwicklung zu Muzafari Subdham, der Welt entzieht – aus Furcht vor Rache, aus Lebensfurcht. Er möchte auch Muzafari dazu bewegen, nicht in die Realität zurückzukehren.
Doch dieser findet aus seiner erzwungenen Askese und Entsagung des Lebens, in der Begegnung mit dem dritten Saryari, mit dem Kriegsverbrannten Jungen, zur Welt zurück: „Als ich das erschöpfte, geschmolzene und geistig abwesende Wesen in die Arme schloss, war mir, als beginne tief in mir etwas zu leuchten. Ich begriff, dass hier ein großer Schwur gefordert war.“
Bachtyar Ali vermag es, sowohl von der Geschichte des kurdischen Volkes zu erzählen, beginnend in den 1980ern bei den Aufständen gegen Saddam Hussein und deren brutaler Niederschlagung bis zu den innerkurdischen Bürgerkrieg nach der Autonomie in den 1990ern. Und gleichzeitig, vom elendigsten Punkt des Leids, von der Verwundung und der Verwüstung aus, die allem zugrunde liegenden, existentiellen Fragen zu stellen: „Was bedeutet Freiheit?“, „Was ist Glück“? Wie können Menschen miteinander leben?“ Die Frage nach dem Sinn also, die mit hoch aufgeladenen Bildern und Metaphern in einer verzaubernden und verzauberten Sprache allen Szenarien des Schreckens und des Tötens im tiefsten Inneren zugrunde gelegt wird. –
Für mich ist Bachtyar Alis Roman Weltliteratur. Und zwar in dem Sinne, dass in ihm die ganze Welt enthalten ist: Leiden und Schmerz, aber auch Zuneigung und Liebe, die in einem sprachlichen und erzählerischen Kosmos zum Leuchten beginnen. Ein magischer Realismus, wie wir ihn vor allem von den lateinamerikanischen Erzählern kennen, der sich aber, und diese Hinweise verdanke ich dem Orientalisten Stefan Weidner, aus älteren Quellen als der lateinamerikanische speist: „Das Buch lebt von einer Mystik der innerweltlichen Existenz, deren Kern die Abhängigkeit der Menschen voneinander ist: „Wie ein Teil unseres Lebens mit all den anderen Leben vermischt ist, so befindet sich auch ein Teil aller anderen Leben in unserem.“
Und das ist die große menschliche Botschaft, die der kurdische Autor Bachtyar Ali, gerade in so grausamen Zeiten wie den unseren, durch Roman „Der letzte Granatapfel“ mit auf den Weg geben kann.
Bachtyar Ali: Der letzte Granatapfel. Roman. Unionsverlag 2016.
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