Am Samstag, 12. November trugen im Stadttheater Bruneck Autorinnen und Autoren, Aktivistinnen und Aktivisten, Bürgermeisterinnen und Bürgermeister der Region ihre Visionen zu und ihre Träume von Europa vor. „Weiterbrennen“, im Rahmen von Denkforum/Forum di riflessione. Ein mehrsprachiger Abend und eine vielstimmige Annäherung an Europa.
Hier könnt ihr Teil 1 meines Beitrags lesen.
Auf meinem Weg zum Bus und vom Bus nachhause komme ich in Innsbruck an einem Plakat der SPÖ vorbei, auf dem zu lesen ist: „Menschen brennen nicht für Kompromisse, Menschen brennen für Ideen und für Haltungen.“
Ich lese diesen Satz jedes Mal, und von Mal zu Mal werden mein Unbehagen und meine Aversion dagegen größer. Das Brennen hat eine lange und schreckliche Geschichte in Europa, und von Europa auf andere Kontinente übergreifend. Frauen im Mittelalter, als Hexen verbrannt, Juden und Jüdinnen im Holocaust vollständig verbrannt, Genozide in Afrika, Tausende von Büchern verbrannt und mit ihnen der Geist und Intellekt ihrer Verfasserinnen und Verfasser. Flüchtlingsheime in Brand gesteckt. Menschen, die für Ideen brennen, zünden andere an. Das Brennen breitet sich gerade über den gesamten Globus aus. Bringt Intellektuelle und Engagierte in Gefängnisse, deren Bücher wiederum verbrannt werden, bringt Größenwahnsinnige an die Macht.
Für eine Idee will ich nicht brennen, von Anderem ist hier nicht die Rede. Ich möchte, dass Europa sich, mehr und dringlicher denn je, anderweitig besinnt, auf eine Denk- und Lebensform, die eine brüchige ist, weil sie voll der Unsicherheiten und Wagnisse ist. Die sich nicht in Selbstgerechtigkeiten und Absolutismen flüchtet, die seit jeher Körper und Länder in Schutt und Asche legten. Die Fragen zulässt und stellt und genau dadurch den Brandstiftern und Zündlern etwas entgegenzusetzen vermag.
Dabei ist es so einfach: Nämlich der Mensch
Vor drei Wochen hat die Publizistin Carolin Emcke den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. In ihrer Dankesrede sprach sie jene an, die diese bedeutsame Auszeichnung vor ihr erhielten. Sie skizzierte damit ein Europa, das auf eine Vielzahl von schmerzhaften, gerade dadurch aber erneuernden Erfahrungen zurückblicken kann: Es sind Menschen, die im Zwischenland vielfältiger Identitäten leben, aber meist nur über ein einziges dieser Identitätsmerkmale definiert und so zu Angehörigen von marginalisierten oder bedrohten Gruppen werden. Doch genau darin, in der Vielschichtigkeit der Zugehörigkeiten und Identitäten, liegt die Chance: sich selbst und die Anderen darin wahrzunehmen, und als Teil eines Ganzen, das viele Zugehörigkeiten hat, viele Gesichter, viele Schattierungen von Identitäten.
Südtirol spiegelt in gewisser Weise dieses fragile und vielgesichtige Ganze wieder. Es blickt auf eine Geschichte der Bedrohungen zurück, der Bedrohung des Verlusts von Zugehörigkeit(en) – Verlustängste, die alle drei Sprachgruppen in unterschiedlicher Heftigkeit und zu unterschiedlichen Zeiten erfahren –, aber auch auf ein potentiell offenes Identitätsgewebe. Und genau aus diesem Spannungsverhältnis heraus könnte etwas Neues entstehen, etwas Unerwartetes, das großzügig ist und neugierig. Eine Neugier, die unnachgiebig und nachgiebig zugleich ist. Die von sich absieht und dennoch bei sich ist. Durchlässig und das Eigene bewahrend und erweiternd. Die die Ausdehnung in Unbekanntes zulässt. Dreisprachig und noch mehr.
Die Verlustangst ist die Schwester des Argwohns, der sich in den Worten und Sätzen eingenistet hat. Sie schwatzt uns Allmacht und Größe auf und beschwört Vergangenes herauf. Doch wird sie besänftigt, wenn nicht gar bezwungen in der Konkretheit der Erfahrungen. In der Differenz der Vielfältigkeiten ist das Leben zu suchen. Alles andere übergibt früher oder später sich selbst und die Anderen dem Feuer und damit dem Tod.
Das verspricht eine gute Seite zu werden. Ein Abbild der wichtigen Dinge in der Zeit. Danke!
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