Kein Trumpf für Trump

Gestern Abend sah ich im Rahmen der ausführlichen Berichterstattung über Donald Trump auf ORF 2 eine bemerkenswerte Dokumentation über das Leben des neu gewählten Staatsoberhaupts der USA.

Der Vater von Donald Trump, der Immobilienunternehmer Frederick Trump Jr., war ein unerbittlich harter Mann, der die fünf Kinder, darunter auch Donald, am Wochenende auf die firmeneigenen Baustellen schleppte, wo sie Nägel vom Boden aufsammeln mussten. Nichts sollte verworfen werden. Man bekommt nichts geschenkt. Erfolg über alles. Wer keinen Erfolg hat, ist ein Versager, ein Taugenichts, ein Tunichtgut. Die Familie lebte in New York, in einem Haus, das der Vater selbst entworfen hatte, großzügig und großklotzig, neun Schlafzimmer. Doch das Stadtviertel war „nur“ „obere Mittelschicht“ – der Geldadel, die wahre Elite, sah auf die aufstrebende Schicht, die sich in diesem Stadtviertel niederließ, mit Verachtung herab.

Als Dreizehnjährigen schickte der Vater den scheinbar aufmüpfigen Donald auf die New York Military Akademy in Cornwall-on-Hudson, auch dies eine Schule der Unerbittlichkeit und Härte:  Erniedrigung und Überlebenskampf, der auf der Unterwerfung des Anderen beruht. Nichts dazwischen, nur Siegen oder Verlieren, Leben oder Tod, Schwarz oder Weiß. Donald immer auf der Seite der Sieger. Aggressiv, überlegen, stolz auf das „deutsche Blut in seinen Adern“.

Wenn er sagt: Der amerikanische Traum lebt, so spricht er von Traum in seinem Leben, sagt aber eigentlich das Gegenteil: Ich habe den amerikanischen Traum mehrfach in den Sand gesetzt. Mit einem beachtlichen Startkapital des Vaters baut er ein eigenes Immobilienimperium auf, Towers, Buildings, Hotels, Casinos, hoch höher am höchsten, Fluglinien, Yachten, Trump Princess Trump Shuttles. In monomaner und megalomaner Manier überall Trump-Schriftzüge. Er kauft, verkauft, kauft, verleiht Geld, leiht Geld. Und Frauen, Frauen Frauen. Ivana Marla Melania. Was von all dem bleibt, nachdem er sich verzockt hat, sind vergoldete Trümmerhaufen, Scherbenhaufen, Schulden. Eine tiefe Schande, eine tief sitzende Wunde für einen Mann wie Trump, der seine Identität nur aus der Binomität von Siegen oder Verlieren beziehen kann, als er daraufhin von der Society mit Häme überzogen wird. Aus dieser Kränkung heraus setzt er, vielleicht, seinen nächsten Traum an – denn er ist in der Wiederholungsschleife hängengeblieben, sein Leben lang: Er wird es allen zeigen, er wird seinen nächsten persönlichen amerikanischen Traum verwirklichen. Er wird Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden.

Zuvor spielt er das mehr als ein Jahrzehnt in einer inszenierten Reality-Show durch. Deren Prinzipien überträgt er dann, mit Unterstützung seiner Berater, eins zu eins, Wort für Wort (alles, was Trump sagt, gibt ihm das Script, von seinen Beratern verfasst, vor) in die Reality der USA. Denn: Die Elite macht einen Unterschied zwischen Reality-TV und Politik. Die Wähler nicht. (So sagen seine Berater) Für sie ist Fernsehen Fernsehen. Die Souveränität, die der reale Mann Trump nie hatte, konnte er sich in der Reality-Show perfekt überstreifen, ein Anzug mit viel zu breiten Schultern, von anderen seinem massigen, ungelenken Körper angepasst.

Wie war das mit der Industrialisierung der Träume und des Begehrens? Mit deren medialer Befriedigung? Ich denke, Trump weiß selbst nicht, wo sein Körper anfängt und wo er aufhört. Ihn füllen und entleeren wird er ab Jänner jedenfalls im Weißen Haus.

Mir scheint, dass er selbst überrascht davon wurde, wie einfach das ging.

Er hat also die Wähler betrogen. Kann man ruhigen Gewissens behaupten. Ohne damit elitär zu sein. Monoman, wie er ist, kann er so seine persönlichen Kränkungen „sublimieren“ und es einem Teil der Eliten, jenen nämlich, die ihn und seinen Clan nicht in ihren hehren Kreis aufnahmen, heimzahlen. Indem er seine eigenen Netzwerke und Clans an die Schalthebel der Macht bringen wird. Vor diesen sollten sich die Amerikaner fürchten, mehr als vor dem sonnenstudiogeschminkten Mann mit den gelben Haaren.

Er will anerkannt und geliebt werden. Die Liebe besitzen, die sein Vater ihm nie gab. Nur in Besitzkategorien kann ein Mann wie er denken. Er hat oder hat nicht. Um zu haben, macht er vor wenig Halt. Warum auch. Denn: Trump is going to be great again. Seine Größe, und die seiner Berater, ohne die er nichts wäre, liegt, vielleicht, darin, die amerikanischen Wähler glauben zu machen: Es geht um uns. Es geht um Amerika. Let’s make …

Doch auch die populistischen Rechten Europas, die ihm begeistert als einem der Ihren gratulieren, hat er an der Nase herumgeführt: die Worte, die Werte, die er vertritt, sind nicht die seinen. Er hat ja keine. Er ist sich selbst Wert. Genug. Es sind nur deshalb die seinen, weil seine Berater wussten, dass es die Werte sind, auf die im Moment die Wähler anspringen.

Und ich glaube jetzt sogar, dass er gar nicht sexistisch so ist, wie er es laufend perfekt unter Beweis stellt. Auch das nur Fake. Seine Berater wissen, worauf weiße, mittelalterliche Männer stehen.

Der 45. Präsident der Vereinigten Staaten: eine Persönlichkeit mit hochgradiger narzisstischer Störung. Und ein Kunstprodukt, aus der Scheinwelt der Reality-TVs ins Leben entlassen. Ich glaube, er wird daran scheitern, an der Realität. Er wird abstürzen. Bleibt nur zu hoffen, dass er nicht das gesamte Land, den gesamten Planeten mit sich in den Abgrund reißt.

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