Vor einigen Tagen las ich auf der Zugfahrt von Bruneck nach Innsbruck „Il mandarino meraviglioso“, die wunderbar zarte und gleichzeitig visionäre Prosa von Aslı Erdoğan.* Am Brenner erstes Schneetreiben, durch wässrige Schlieren an den Fenstern zieht die Landschaft an mir vorbei. Grauweißer Schnee auf der Geraden der Staatsstraße, und auf den Dächern der hingeduckten Häuser. Zwischen den schwarzen Tannen am Waldrand letzte rostrote Lärchen. Auch in Aslı Erdoğans Istanbul fällt Schnee, und in Genf, den beiden Städten, die sich in der Erinnerung des erzählenden Ich begegnen. Auch hier beobachtet die erzählende Stimme, in einem Taxi unterwegs, den schwachen, wässrigen Schnee durch ein Fenster. Es versucht, den Erinnerungen zu entkommen, der Liebe, dem Suchen der Liebe, dem Sterben. Doch unablässig sind sie da, die Erinnerungen, bewegen sich mit dem Ich, ziehen es in sich hinein. Es fährt durch die Viertel Istanbuls, der Herkunftsstadt, der die erzählende Stimme in tiefer Verbundenheit zugeneigt ist. Einer Verbundenheit, die sich nicht nur in der Wahrnehmung des Schönen und Strahlenden manifestiert, sondern auch und vor allem im Aufspüren des Dunklen, Verborgenen, Schmutzigen, Verbrauchten. „Una donna stanca, ma seducente“, so wird Istanbul benannt, die zerstörte Stadt, die aber doch Wurzel des Ich ist. Das Helle, Klare, Eindeutige findet sich in der anderen Stadt, in Genf, doch in ihr ist das erzählende Ich fremd, eine Flaneurin im Exil.
Die große Zuneigung der Erzählerin gehört jedoch den Figuren: diese sind fragil, zerbrechlich, unscheinbar und voll der Widersprüche. Genau dies ist es, was man in den Menschen und den Orten wahrnimmt, wenn man denn wahrhaftig erkennt: gli aspetti più essenziali delle persone sono nascosti nelle loro contraddizioni.; man möchte die Einäugige, die Kranke, den zutiefst Verletzten, sie alle, die ihr Leiden mit dem Leiden der „Anderen“, der Bedrohten in eins sehen, in den Arm nehmen. In Bruchstücken, Briefen, Anreden und Anrufungen werden „Fragmente einer Sprache der Verletzungen“ gesucht, einer Sprache, die die Ausrottungen quer durch die Kontinente und Geschichte bis ins Innerste des einzelnen Individuums in Worte zu fassen sucht. Zwischen diesen Worten blitzt auch die Trauer darüber auf, was im Lauf der Auslöschung des Anderen, des Fremden, der Menschheit an sich verloren ging: il mistero dell’infinito / Das Geheimnis des Unendlichen
Ormai ci siamo assuefatti ai campi di lavoro, alle camere a gas, alle galere; i morti di bimbi nei bombardamenti che guardiamo nei servizi in diretta ci accompagnano mentre ceniamo. E forse il luogo dove si ritrovano gli scheletri coi loro corpi, gli esseri con la sacra acqua della vita, tutti noi, vivi o morti, col nostro passato perduto, fino alla sicurezza del grembo materno, è una grotta incantata nascosta nelle Ande. (S. 142)
Wie sehr ist diese Textpassage, die Aslı Erdoğan 2001 schrieb, auf unsere Gegenwart anwendbar. Wie sehr auf die Europäerinnen und Europäer, die dabei zusehen, wie in der Türkei, jenem Land, das Aslı Erdoğan immer wieder verließ, schon lange immer wieder verließ, aus Furcht vor Verfolgungen, aber auch, um es in ihren Texten immer wieder auferstehen zu lassen, nicht nur Jagd auf Intellektuelle, Journalisten und Schriftsteller gemacht wird, sondern ein regelrechter Auslöschungsprozess im Gange ist.
Wie sehr wiegen sich die Europäer und Europäerinnen in der Illusion, „bei uns“ könne so etwas nicht geschehen. Christina von Braun, von mir sehr geschätzte Autorin und Filmemacherin, hat in ihren Arbeiten immer wieder den Zusammenhang zwischen der Verwendung des Wortes „Intellektueller“ und dem Antisemitismus betont. Angefangen bei der erstmaligen Verwendung im Zusammenhang mit der Dreyfus-Affäre in Frankreich, um Personen zu benennen, die der eigenen Nation „feindlich“ gegenüber eingestellt waren, bis zur antisemitischen Koppelung durch die Nazis (Hinfort mit diesem Wort, dem bösen / Mit seinem jüdisch-grellen Schein! / Nie kann ein Mann von deutschem Wesen, / Ein Intellektueller sein.), war die Bezeichnung durchwegs eine abwertende, die auch auf die Gefahr der „Verweichlichung“ oder auch „Verweiblichung“ einer wahren, kämpferischen Männlichkeit hinzuweisen sich bemüßigt fühlte. Erst in den 1960er Jahren wurde sie, durch Jean-Paul Sartre etwa oder durch die Mitglieder der Gruppe 47, zu einer positiv besetzten Benennung, sie sich unter Anderem auf Definitionsversuche aus der Zwischenkriegszeit, zum Beispiel jene des Soziologen und Philosophen Karl Mannheim bezog (Stichwort „freischwebende Intelligenz“ – welch schöne, utopische Vorstellung). Heute dreht sich der Wind wieder, so scheint mir. Da ist in renommierten Zeitschriften von „Intellektuellen-Idioten“ die Rede, von „Akademiker-Bürokraten“, die alle nur mehr abgehoben in ihrer Blase lebten, unverständig und verständnislos. Unverstanden sind nicht sie, sondern „das Volk“ durch sie. Es ist zu einer beinahe klassischen Redefigur der europäischen und transatlantischen Rechtspopulisten geworden, Intellektuelle bloßzustellen und abzuwerten. Ihre Anstrengung, zu denken und zu kritisieren, zu ent-werten.
Zurück zu Aslı Erdoğan: Es ist die extremste Form der Ent-Wertung, oder soll ich sagen: Ent-Sorgung? von denkenden, kritischen Menschen, wie sie es eine neben vielen anderen türkischen Intellektuellen ist (die, auch das scheint mir wichtig zu erwähnen, sich für die Kurden einsetzt, ohne selbst Kurdin zu sein), sie von der Gesellschaft zu isolieren, wegzusperren und durch unmenschliche Haftbedingungen auf ihren Körper und den Überlebenstrieb zurückzuwerfen, um den Geist, das Denken, zu zermürben und zu zersetzen.
Zwei Briefe von Aslı Erdoğan haben uns aus dem Gefängnis erreicht. Im zweiten Brief beschreibt sie detailliert die Umstände ihrer Verhaftung, die Konfiszierung und teilweise Zerstörung ihrer Bücher und Schriften, den menschenverachtenden Umgang im Gefängnis. Und: „Ich bin eine Schriftstellerin. Ich stehe für das Gewissen der Menschheit.“ Und: „Bitte vergesst mich nicht. (Und meine Bücher. Sie sind meine Kinder.)“ In Innsbruck ausgestiegen, fährt mir der kalte Wind, der nicht nur Blätter durch die Straßen fegt, durch Mark und Bein. Ich denke an meine Blätter zuhause, an meine Bücher. „Il mandarino meraviglioso“ wird es gut haben bei ihnen.
*ich habe das Buch in italienischer Sprache gelesen, da es im Keller Verlag in Rovereto erschienen ist, ebenso wie die Übersetzung meines Romans „Lithops. Lebende Steine“ . In deutscher Sprache: Der wundersame Mandarin, erschienen im Unionsverlag 2008.
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