Gärten sind seit jeher Schauplätze von Romanen, so auch in der Gegenwartsliteratur. In Der große Garten von Lola Randl etwa zieht sich die gleichnamige Protagonistin von der lärmenden Großstadt auf Land zurück, wo sie Ruhe und Einklang mit der Natur sucht. Doch ganz wird ihr das nicht zu gelingen. Ähnlich angelegt ist Ulrike Hartmanns Roman Liebe geht durch den Garten: Auch dort ist für die Protagonistin, eine Städterin, nichts schöner als die Vorstellung, mit ihren Händen in der Erde zu graben. Sie mietet einen verwilderten Schrebergarten, doch auch hier läuft ziemlich viel anders als erwartet … Christina Walkers Roman „Verteidigung eines Gartens“ ist nun zwar auch in einer Schrebergartensiedlung am Stadtrand und am Ufer eines Flusses angesiedelt, doch die Menschen, die sich dorthin zurückgezogen haben, tun dies nicht aus Sehnsucht nach einem weniger verfälschten, naturnahen Leben, sondern aus ganz handfesten Gründen. Sie sind aus unterschiedlichen Gründen gezwungen, ihr bisheriges Leben, das in gewohnten und ruhigen Bahnen verlief, aufgeben zu müssen. Sie suchen nicht das Abenteuer, sondern sind an den Rand der Gesellschaft Gedrängte, deren Leben gegen ihren Willen wieder bei Null anfängt.
Da ist Marianne, die vor kurzem nicht nur Witwe geworden ist, sondern mit dem Mann auch das Haus und die Bäckerei verliert. Carl war ein Spieler, der in der Nacht, bevor er mit dem Auto zu Tode kam (einen Aal in einem Plastiksack auf dem Nebensitz), alles verspielt hat. Das Holzhaus in der Gartensiedlung ist, obwohl es verboten ist, ständig dort zu leben, die einzige Möglichkeit für sie, ein Dach über dem Kopf zu haben.
Diana, die sich selbst Didi nennt und nennen lässt (zum Leidwesen ihrer Mutter Rosa) ist aus der Wohnung mit Rosa, ihrer Mutter, ausgezogen, und lebt auf der Datsche ihrer verstorbenen Großmutter. Rosas Freund Mike, „der Idiot“, wie Didi ihn nennt, wie alle Männer ihrer Mutter vor ihm, schlägt nicht nur ihre Mutter, sondern ist auch in anderer Hinsicht hinter Didi her.
Herr Gregor, der Obmann des Kleingartenvereins, wurde vor kurzem von seiner Frau verlassen und verdrängt seine Einsamkeit, indem er verzweifelt versucht, das Schicksal der Schließung und Umwidmung der Anlage zu verhindern und diese so gut wie möglich in Schuss zu halten, nachdem bis auf die Genannten sich niemand mehr in der Gartenanlage aufhält.
Richard dämmt seine „Hütte“ im Winter mit Büchern, die er im Frühling dann auf Flohmärkten zu verkaufen sucht. Er betreibt einen florierenden Schwarzmarkt mit Forellen und Aalen aus dem nahe gelegenen Fluss.
Rund um diese vier ProtagonistInnen richtet die Autorin ihre Geschichte aus, und es ist eine schöne, eine liebevoll angelegte Geschichte von Zusammenhalt und Solidarität. „Niemand ist allein auf der Welt, schon gar nicht in einem Schrebergarten.“ (229) Dieses Zitat trifft in mehrfacher Hinsicht ins Herz des Romans. Vor allem Didi kümmert sich um die anderen, um Marianne, die sie mitnimmt auf ihren abendlichen Duschgängen in ihre nahe gelegene Schule. Überhaupt, Didi. Eine Protagonistin wie sie kann einem nur ans Herz wachsen. Die heranwachsende junge Frau zweifelt „an der Anwendbarkeit des Konjunktivs auf das Leben. Sie hielt sich lieber an den Indikativ.“ (126) Sie hat mich an Tilda, die Protagonistin in „22 Bahnen“ von Caroline Wahl erinnert. Wie diese schupft Didi zuhause das Leben (wobei die Systematisierung des Begriffs „zu Hause“ eine ziemlich komplexe sein kann, wie wir aus dem Buch erfahren), kümmert sich um die Mutter, die dem Alkohol zugeneigt ist und, im Fall von Didi, immer wieder an gewalttätige Partner gerät. Wie die meisten Kinder von Suchtkranken muss sie von klein auf stark sein, und so nimmt sie auch Rosa, ihre Mutter, wahr: „Sorgen machte sich Rosa keine. Ihr Kind war eine Prinzessin, unantastbar, stark. Niemand musste sie retten. Sie wusste, was zu tun war. Ihre Tochter hatte es immer besser gewusst als sie selbst.“ (197) Die Portion Verdrängung und Selbsttäuschung, die in dieser Aussage enthalten ist, kostet Didi beinahe das Leben. Inzwischen schlägt sie sich durch dieses, indem sie für Mitschülerinnen die schriftlichen Arbeiten verfasst, Biologie, Mathematik, Deutsch, und Pizza mit dem Fahrrad (in der verwaisten Anlage gefunden) ausfährt. Vor allem aber geht sie in den eiskalten See schwimmen, wo sie in tiefen Schreien zu einem Teil der Natur wird, zu „Wildnis“. Von dort will sie auch Marianne retten – das ist das erste Zusammentreffen der beiden so unterschiedlichen Frauen.
Sie habe seit 27 Jahren keinen Milchreis mehr gekocht und gegessen – Carl habe ihn nicht gemocht. Nun kann Marianne Milchreis essen, wieviel sie will, allerdings kann sie sich nicht viel leisten. Sie pilgert regelmäßig zum Jobcenter, AMS, wie sie es ganz altmodisch nennt, doch außer der penetranten Frage, wann sie endlich eine Meldeadresse habe, sonst müsse man die Bezüge streichen, wird ihr nicht weitergeholfen. Sie schafft es selbst, im nahe gelegenen Diskonter einen Minijob zu finden und sich dort zur geschätzten Kassierin „hochzuarbeiten“. Die Beziehung zu ihrer Freundin Gerda, einstige Nachbarin und gute Kundin in der Bäckerei, legt sie aus Scham auf Eis, bis diese eines Tages im Diskonter vor ihr steht …
Herr Gregor glaubt, „dass man die Natur genauso in Schach halten musste wie den Energieverbrauch oder die eigenen Gefühle. Andernfalls drohten böse Überraschungen“. (92) Dass es ihn dennoch in die Nähe zu Marianne zieht und er ihr sogar eine seiner geliebten Ochsenherztomaten-Pflänzchen zur Obhut anvertraut, ist ein Schritt weg vom Kontrollzwang, der Herrn Gregor in seinem eigenen kleinen Ich gefangen hält. Doch angesichts allzu großer Gefahr weiß er, was zu tun ist und wächst über sich selbst hinaus.,
Doch da gibt es noch zwei weitere sehr wesentliche Protagonisten in diesem tempo- und handlungsreichen Roman, der von einer allwissenden Erzählerin getragen wird, die in alle Seelen und Tümpel zu blicken imstande ist: die Natur und – die Aale. Viel Interessantes und Originelles an Wissenswertem erfahren wir so nebenbei, oder nein, doch nicht nebenbei: vielmehr ist dieses als Handlungselement in die Erzählung eingebettet, so dass sich alles zu einem großen Ganzen fügt. Zum Beispiel, dass die Ratten ein verzweigtes Tunnelsystem rund um den Fluss angelegt haben. Zum Beispiel, dass die Bohnenpflanzen Linkswinder sind, und Herr Gregor dies gar nicht verträgt. Dass Aale imstande sind, sich über feuchtes Land zu schlängeln, indem sie ihre Kiemen verschließen und über die Haut atmen. Dass die Bäume über ein unterirdisches System miteinander in Kontakt sind und sich gegenseitig helfen. Das sind nur einige wenige Beispiele der so leicht und selbstverständlich daherkommenden Einbindung allen Lebens in die Erzählung. Bei alldem verliert die Erzählerin nicht die sozialen Probleme aus den Augen, mit denen unsere menschliche Gesellschaft konfrontiert ist, wie Arbeits- und Obdachlosigkeit, die Angst vor sozialem Abstieg, Gewalt in Beziehungen, sexuelle Belästigung, Einsamkeit. Wie sehr man nicht davor gefeit ist, sich selbst und den anderen etwas vorzumachen, um den Lebenswillen nicht zu verlieren, hat mich besonders berührt. „Selbstbetrug ist kein Verbrechen, er ist manchmal der einzig greifbare Trost.“ (150) Das ist nur einer der klugen Sätze und Bemerkungen, die uns das Buch schenkt.
Christina Walker schafft es, diesen Mikrokosmos ohne Sentimentalität darzustellen, vielmehr ist die Erzählung, mit feinster Klinge verfasst, von einer Herzenswärme, Intelligenz und auch Fröhlichkeit getragen, die einen zuweilen vergessen lässt, dass Menschen hier um ihr Leben kämpfen. Doch führt sie uns immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, vor allem am Ende, wo es zum großen Showdown kommt, in dem die Autorin nicht verbirgt, dass sie am Bodensee, an einem großen Wasser also, geboren ist und heute wieder lebt. Mehr sei nicht verraten.
Im Text erwähnte Bücher:
Christina Walker: Verteidigung eines Gartens. Roman. Residenzverlag 2026
Ulrike Hartmann: Liebe geht durch den Garten. Roman. Diana Verlag 2019
Lola Randl: Der große Garten. Roman Matthes & Seitz 2019
Caroline Wahl: 22 Bahnen. Roman. Dumont Verlag 2023
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