Die Relektüre von Wuthering Heights verdanke ich dem sehr lesenswerten Essay von Mithu Sanyal Zu Emily Brontё, erschienen in der von Volker Weidermann herausgegebenen Reihe „Bücher meines Lebens“ im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Dies ist allerdings keine Rezension, vielmehr hat mir der Text zahlreiche Impulse bei der erneuten Lektüre dieses Romans geliefert.
Gleich ist nicht gleich gleich
Zum einen ist mir aufgefallen, dass sich im Verlauf der Lektüre meine Identifikation mit den Figuren geändert hat. Das hat mit dem Verschwinden Heathcliffs zu tun, das auf einem ‚unvollendeten Lauschen‘ beruht, so wie vieles im Buch auf Missverständnissen, Uneinsichtigkeiten, Täuschungen und Illusionen beruht. Eine der zentralen Illusionen ist dabei die sehr modern anmutende, romantische, aber völlig den strengen viktorianischen Lebensprinzipien widersprechende Vorstellung Catherines, sie könne Linton heiraten und Heathcliff lieben.
Nach dem Verschwinden Heathcliffs liest sich der Roman anders, denn es ändern sich die Figuren und auch das Tempo, in dem die Zeit nacherzählt wird. Vor diesem Einschnitt konnte ich mich mit Heathcliff und Catherine identifizieren, mit ihrer Liebe, die etwas von Rebellion gegen die strengen Konventionen in sich hatte, und mit dem Verbotenen dieser Liebe, obwohl sie doch so klar und eindeutig ist und auf der Ähnlichkeit der beiden Charaktere beruht: wild, ungestüm, impulsiv, revoltierend. Eine Liebe, die sich vor allem in der ‚Freiheit des Moors‘ verwirklicht bzw. darin ihre Spiegelung erfährt, und deren Beschreibung sich weitestgehend den LeserInnen entzieht (was auch der Erzählperspektive geschuldet ist, doch dazu später).
Es besteht allerdings ein wesentlicher Unterschied in der scheinbaren Ähnlichkeit im Charakter von Catherine und Heathcliff: Heathcliff ist aufgrund seines Anders-Seins, seines Fremd-Seins, auf das beharrlich hingewiesen wird (dunkelhäutig, wie ein ‚Zigeuner‘, ohne Wurzeln, da vater- und mutterlos zu den Earnshaws gekommen) in diese Existenz gestoßen, gewissermaßen zu ihr gezwungen, da er nichts Anderes und auch sich selbst nicht anders kennt (eine Spiegelung erfährt dieser Zustand in Hareton Earnshaw, den Sohn des Erzfeindes von Heathcliff, der nach dem Tod der Eltern gezwungen ist, in Wuthering Heights zu verbleiben und dort von Heathcliff, der sich das Anwesen durch Ausnutzung der Spielsucht seines Feindes angeeignet hat, im Zustand von Unzivilisiertheit und – man könnte fast sagen: Verblödung gehalten wird. Allerdings wird sich das mit dem Ende ändern.)
Heathcliff wird keine Chance gegeben, an sich, an seiner Persönlichkeit zu arbeiten, um das starke Bedürfnis nach Rache an jenen Menschen, die ihn in das Außenseitertum drängten, in den Griff zu bekommen, erst recht nicht, als er auch Catherines Liebe – vermeintlich – verliert. Er kann gar nicht anders, so möchte man bis zu seinem erneuten Auftauchen entschuldigend meinen, als brutal um sich zu schlagen.
Catherines ungestümes und rebellisches Wesen hingegen scheint ihr angeboren zu sein, entspricht allerdings nicht der Vorstellung von Weiblichkeit im strengen, prüden viktorianischen Zeitalter. Sie selbst durchlebt einen Wandel zu Beginn der Beziehung zu Linton, dem Feingeist und als Gegenspieler zu Heathcliff gezeichneten späteren Ehemann; noch scheint sie die Wahl zu haben und beides sein zu können‚ die kultivierte junge Frau und der impulsive Wildfang. Sie ist ‚wechselhaft‘ im wahrsten Sinne des Wortes. Doch nach und nach und vor allem nach dem plötzlichen Verschwinden Heathcliffs erlöscht dieses sich in der Vielfalt Erprobende wie eine Lebensflamme, ein Erlöschen, das zum Teil auch dem Sich-Verzehren nach dem mittlerweile Unauslebbaren geschuldet ist. Die Beteuerungen Catherines, sie und Heathcliff seien eins, bedeuten nichts Anderes, als dass das, was er ist, sie zwar auch ist, aber nicht (mehr) sein kann. Er ist ihr Spiegel und ihr Motor. Insofern trägt die Liebe Catherines zu Heathcliff durchaus narzisstische Züge, wohingegen seine Liebe aus der Verzweiflung heraus entstanden ist: einen einzigen Menschen zu haben, der ihn so liebt, wie er ist, wie er sein muss. Und der Verlust dieser Person bedeutet seinen Tod, so wie sein Verschwinden ihren Tod bedeutet.
Kein klassischer Liebesroman at all
Würde der Roman mit dem Tod Catherines enden, wäre er ein klassisch romantischer Liebesroman, wo man das tragische Ende der Liebe und den Tod einer der Beteiligten (gemeinsam mit dem anderen) beweinen könnte. Doch die Geschichte nimmt jetzt erst an Fahrt auf. Heathcliff kennt, als er als ein Anderer zurückkehrt, keine Gnade, auch kein Recht oder keine Güte; sein Ansinnen ist allein blinde und wütende Rache. Diese nimmt er vor allem dadurch, und hier möchte ich auf Terry Eagletons Analyse der Romane der Brontë-Schwestern verweisen, dass er die Besitztümer beider Familien an sich reißt, wobei ihm jedes Mittel recht ist. Eagleton arbeitet heraus, wie die Romane insgesamt Verhandlungen über Besitztum und Klasse sind, und wie die Gefühle diesen materialistischen Beweggründen folgen bzw. sich ihnen entgegenstellen oder eben auch fügen. Catherine Earnshaw ist dabei die personifizierte Ambivalenz. Spannend dabei: Die Rache Heathcliffs scheitert letztlich an der aufkeimenden Liebe zwischen ‚zwei Gleichen‘.
Das Destruktive, das psychische aber auch physische Gewalt beinhaltet, geht auch auf die nächstfolgende Generation über, in der sich das Unglück in ‚gekreuzter‘ Form manifestiert. Die zweite Generation, vor allem die beiden männlichen Nachkommen Linton (Heathcliffs Sohn) und Hareton (der Sohn von Catherine Earnshaws Bruder) erfahren Unterdrückung, Isolation und körperliche Züchtigung. Während der erste daran zugrunde geht, erfährt der zweite durch Cathy, die Tochter von Catherine, eine Art Errettung durch Zuneigung. Cathy wird dabei als die weichere, aber auch geradlinigere Variante ihrer Mutter gezeichnet, die sich als einzige nicht von Heathcliffs Hass unterkriegen lässt.
Where have all the mothers gone
Zum zweiten fand ich die Erzählperspektive äußerst spannend und für die damalige Zeit sehr modern: Die Ereignisse werden doppelt gefiltert erzählt, zum einen durch Lockwood, den Nachfolgepächter auf dem Gut Thrushcross Grange, der seinerseits von Nelly Dean in einem langen rückschauenden Bericht von den Ereignissen in Kenntnis gesetzt wird. Durch diesen doppelt gefilterten Blick sind die mitunter sehr brutalen und wuchtigen Ereignisse auch für die Leserin leichter zu ertragen. Die Figur der Nelly ist sehr raffiniert angelegt, da sie als Haushälterin sowohl Vertraute der mutterlosen Catherine als auch in weiterer Folge jene der mutterlos aufwachsenden Tochter Cathy ist. Sie nimmt sich völlig zurück, bereitet die Lesenden oft auf das Kommende vor, versucht einzugreifen, allerdings meistens erfolglos, wird aber als eine der wenigen auch von Heathcliff respektiert. Vielleicht wird in ihr auch jene Figur der Gouvernante vorweggenommen, die in den Romanen vor allem von Charlotte Bronte in all ihren Ambivalenzen genauer dargestellt wird. Allerdings erfährt die Leserin nichts über die Lebensgeschichte von Nelly.
In den wenigsten Untersuchungen, die ich bislang zu Wuthering Heights las, wird auf die Abwesenheit der Mütter hingewiesen und auf die Bedeutung, die dies für den Roman hat (dass auch die Bronte-Geschwister mutterlos aufwuchsen, mag hier sogar eine nicht allzu kleine Rolle spielen.). Es ist ausschließlich eine Welt der Väter, die dargestellt wird und die so ist, wie sie dargestellt wird. Entweder sind die Männer schwach und erliegen ihren Süchten und Krankheiten, oder sie sind borniert oder gewalttätig. Nur ihr Wort ist Recht, auch wenn sie dieses aus dem Unrecht heraus sprechen.
Mit den Geistern um den Tisch tanzen
Letztendlich, und das in außerordentlichem Maß, ist Wuthering Heights eine Geistergeschichte. Von allen guten Geistern verlassen scheint Heathcliff, der seinem Ebenbild, dem Geist Catherines, durch die Nebelschwaden des Hochmoors nachjagt, ein Halbtoter, ein Zombie, der nur mit der Toten, ganz wortwörtlich im Angesicht der Toten seine Ruhe zu finden vermag. Was mag das in der damaligen Zeit für ein Skandal gewesen sein: die Ruhe der Toten wortwörtlich zu stören und als Fremder und Wilder sich zu erdreisten, neben der Gattin eines anderen zu liegen zu kommen, wenn auch nur unter der Erde… Bereits der Beginn von Wuthering heights ist Schauerroman pur: Was als das zaghafte Schlagen eines Astes gegen ein Fenster beginnt, wächst sich zum Pochen einer wächsernen Hand aus, die zu einem Geist gehört, der Einlass in das Haus erfleht, seit zwanzig Jahren, seit zwanzig Jahren heimatlos im Moor… von dieser Szene ausgehend nimmt der gesamte Roman Fahrt auf. Wie gern möchte ich mir Anne, Charlotte und Emily Brontë vorstellen, wie sie den kleinen Tisch in ihrer Arbeitsstube umrunden, der Vater schlafend nebenan, der Bruder noch nicht vom Wirtshaus zurück, das Moor in der Nase, den Wind in den Ohren, vielleicht ein Ast, der gegen das Fenster schlägt …
Das Bild, das ich gewählt habe, ist ein Ausschnitt aus Xenia Hausners Gemälde „Look left – look right“, das ich bei der Personale der Künstlerin „True lies“ 2021 in der Albertina gesehen und fotografiert habe.
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